Nach dem Tod der deutschen Taucherin : Haie sollen nicht verteufelt werden

Nach einem Haiangriff vor Hawaii ist die 20-jährige Deutsche Jana gestorben. Experten versuchen zu beschwichtigen. Haie greifen Menschen normalerweise nicht an. Umgekehrt werden die Raubfische vom Menschen in ihrer Existenz bedroht.

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Ein Hai schwimmt vor dem Strand von Tarragona. Haie sind eigentlich für Schwimmer und Taucher nicht gefährlich.
Ein Hai schwimmt vor dem Strand von Tarragona. Haie sind eigentlich für Schwimmer und Taucher nicht gefährlich.Foto: AFP

Das Schicksal der 20-jährigen Jana bewegt nicht nur Wassersportler und Strandurlauber. Die Frau aus dem nordhessischen Zierenberg schnorchelte gerade einmal 50 Meter vor dem Strand der Hawaii-Ferieninsel Maui, als ihr ein Tigerhai begegnete. Der 57-jährige Pastor Rick Moore hatte von Land aus beobachtet, wie das Tier der Schnorchlerin in den Arm biss, stürzte sich ins Wasser und rettete der Frau zunächst einmal das Leben. Eine Woche nach diesem Vorfall, bei dem die junge Sportlerin einen Arm verloren hatte, ist sie am Donnerstag im Krankenhaus von Hawaii ihren schweren Verletzungen erlegen. Viele Schnorchler und Schwimmer stellen sich die Frage, ob sie sich angesichts solcher Gefahren noch ins Wasser wagen sollen.

Ein Sechser im Lotto ist wahrscheinlicher als der Tod durch einen Hai

Auf den ersten Blick scheint die Gefahr groß: Auf der einen Seite schwimmt ein vier Meter langer Tigerhai mit messerscharfen Zähnen in seinem großen Maul. Ihm gegenüber ist der viel kleinere Mensch im Grunde wehrlos. Anscheinend bewegt sich vor dem Haimaul eine leichte Beute. Und doch beißt der Hai nur in ganz seltenen Ausnahmefällen zu.

Den Beweis für diese Behauptung liefert der Präsident der Haischutzorganisation „Sharkproject“ in Offenbach, Gerhard Wegner, mit einer Reihe von Statistiken und Zahlen. So kommen Haiwissenschaftler im US-amerikanischen Princeton auf durchschnittlich gerade einmal 63 Hai-Unfälle weltweit im Jahr. Im gleichen Zeitraum geht 15 Milliarden Mal ein Mensch in Gewässer, in denen auch Haie vorkommen können. Das Risiko eines Hai-Unfalls liegt also ungefähr bei 1 : 240 Millionen. Da ist die Chance für einen Sechser mit Zusatzzahl im Lotto deutlich höher.

Der Hai will nur probieren. Der Mensch schmeckt ihm nicht

Obendrein zählen die Forscher bereits Begegnungen zu solchen Hai-Unfällen, bei denen sich der Mensch in Gefahr fühlt, weil der Hai ihn zum Beispiel berührt ohne zuzubeißen. Tragische Todesfälle wie jetzt die 20-jährige Deutsche auf Hawaii sind extrem selten, zwischen 2005 und 2008 zählten die Hai-Forscher weltweit ganze 13 „Hai-Tote“. Hai-Experte Gerhard Wegener findet für diese Zahlen nur eine Erklärung: „Haie sehen Menschen normalerweise nicht als Beute“.

Das verwundert kaum, schließlich schwimmen Haie bereits seit einigen hundert Millionen Jahren in den Meeren. Menschen begegnen ihnen dagegen erst häufiger, seit Schwimmen und Surfen in Mode kam. Dass Menschen eine gute Beute sein könnten, haben Haie bisher trotzdem nicht gelernt. Selbst erfahrene Taucher sehen die Räuber der Meere nur sehr selten, weil sie Menschen möglichst aus dem Weg gehen.

Kommt es dann doch einmal wie jetzt vor Hawaii zu einer überraschenden Begegnung, werden einzelne Haie unter Umständen neugierig. Dann testen sie vielleicht, ob der Schnorchler oder Surfer als Beute taugt. Weil sein Geschmack vor allem im Gaumen sitzt, schließt ein Hai dann sein Maul meist um einen Arm oder ein Bein, ohne erst einmal zuzubeißen. Er will nur schmecken. Da ihm Menschenfleisch überhaupt nicht schmeckt, spuckt er es in der Regel wieder aus. Wenn der Hai erst mal schmecken will, gerät der Mensch in Panik und versucht Arm und Bein aus dem Haimaul zu ziehen. Dabei aber verletzen sich die Schwimmer meist an den messerscharfen Zähnen. Wird dann eine Arterie verletzt, verblutet der Betroffene, wenn er nicht rasch Hilfe bekommt. Oder der Hai gerät angesichts des zappelnden Menschen ebenfalls in Panik und reißt dabei tiefe Wunden.

Die Angst vor dem Hai sitzt ganz tief

Obwohl der Hai eigentlich kein natürlicher Feind des Menschen ist, löst er schiere Angst aus. „Die Angst ist tief in uns drin. Seit der Zeit, als wir von Säbelzahntigern gejagt wurden, haben wir Angst vor dunklen, unbekannten Tiefen und vor spitzen Zähnen. Für all das steht der Hai“, erklärt Gerhard Wegner. „Dabei müssten wir heute eher genetische Ängste vor Bankberatern und Investmentbankern entwickeln.“

Die irrationale Furcht des Menschen ist wohl auch der größte Feind der Meeresräuber, auf die unnachgiebig Jagd gemacht wird. Die allgemeine Angst schwächt die Lobby der Haischützer. Von weltweit mehr als 300 Haiarten stehen bereits mehr als 70 auf der Roten Liste bedrohter Arten. Im Kontrast zu der Handvoll Menschen, die jährlich von den Raubfischen attackiert wird, verenden nach Angaben der Umweltstiftung WWF jedes Jahr bis zu 100 Millionen Haie in Fischernetzen – meist nur, um ihre Flossen abzuhacken, die vor allem in Asien als Delikatesse gelten.

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