Nach dem Tod von Michael Brown : Todesschütze von Ferguson könnte davonkommen

Zur Zeit ist nicht klar, ob es überhaupt zu einem Prozess gegen den Polizisten Darren Wilson kommen wird, der die tödlichen Schüsse von Ferguson abgab. Vieles spricht dagegen, dass die Sache verhandelt wird.

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Hände hoch! Nicht schießen! Das ist zum Slogan der Protestdemonstrationen nach dem Tod von Michael Brown geworden.
Hände hoch! Nicht schießen! Das ist zum Slogan der Protestdemonstrationen nach dem Tod von Michael Brown geworden.Foto: dpa

Eine Woche nach der Beerdigung von Michael Brown haben die Fernsehsender ihre Zelte in Ferguson abgebrochen. Der Medienzirkus zieht weiter, doch die Lage in dem kleinen Vorort von Saint Louis bleibt angespannt. Immer wieder dringen neue Details an die Öffentlichkeit, die den Ärger weiter anfachen: Ein Polizist hat seinen Hund auf ein Mahnmal pinkeln lassen, das Familie und Freunde für den getöteten Teenager aufgebaut hatten. Ein Polizeiauto fuhr die Blumenarrangements platt. Lappalien im Vergleich zu der eigentlichen Tat, aber immer wieder drückt sich die Unfähigkeit der Behörden aus, auf die Gegenseite zuzugehen.

Die Gegenseite, das sind die Schwarzen, die zwei Drittel des Ortes ausmachen, die sich bedroht und unsicher fühlen. Sie fordern die Verhaftung von Darren Wilson, dem Polizisten, dessen Schüsse den unbewaffneten Michael Brown töteten.

In der vergangenen Woche tauchten Audioaufnahmen des Schusswechsels auf, die offenbar zufällig entstanden sind. Ein Anwohner war zum Zeitpunkt der Tat bei offenem Fenster in einem Videochat, auf dessen Mitschnitt die Schüsse klar hörbar waren: zunächst sechs Schüsse in schneller Folge, dann eine Pause gefolgt von vier weiteren Schüssen. Sachverständige urteilen, dass die Pause den Polizisten genug Zeit gegeben hätte, die Lage zu beurteilen und von weiteren Schüssen abzusehen. Zwei Obduktionen von Michael Browns Leiche haben ergeben, dass er von sechs Kugeln getroffen wurde.

Polizist wird von gewaltiger Internetgemeinde unterstützt

Darren Wilson bereitet sich an einem unbekannten Ort auf den nächsten Akt vor und wird dabei von einer gewaltigen Internetgemeinde unterstützt: Auf einer Sammelplattform kamen mehr als 450 000 Dollar für seine Verteidigung zusammen – doppelt so viel wie für Michael Browns Angehörige gespendet wurde. Die großzügigen Spenden für die Verteidigung des Todesschützen erinnern an den Fall Trayvon Martyn. Als der ebenfalls unbewaffnete und ebenfalls schwarze Jugendliche vor zwei Jahren in einer Wohnsiedlung in Florida erschossen wurde, gingen massenhaft Spenden für George Zimmermann ein, den selbsternannten Nachbarschaftswächter, der sein späteres Opfer ohne Anweisung der Polizei verfolgte und dann erschoss.

Zur Zeit ist nicht klar, ob es überhaupt zu einem Prozess gegen den Polizisten Wilson kommen wird. Vieles spricht dagegen, dass die Sache verhandelt wird. Das Justizministerium, das sich in den Fall Brown eingeschaltet und die Ermittlungen übernommen hat, muss für eine Anklage gegen Wilson nicht nur belegen, dass dieser „übertriebene Gewalt“ angewandt hat. Vielmehr muss auch klar sein, dass Browns Rechte in den letzten Minuten vor den tödlichen Schüssen verletzt wurden. „Rechtlich liegt die Latte sehr hoch“, sagt der Jura-Professor Samuel Bagenstos, einer der ranghöchsten Mitarbeiter des Ministeriums vor Ort in Missouri, der Nachrichtenagentur AP.

In der Tat kam es selten zu Anklagen gegen Polizisten, und noch seltener zu Urteilen gegen Beamte. Als vier Offiziere des New York Police Department 1999 den afrikanischen Einwanderer Amadou Diallo vor seinem Haus mit 41 Schüssen niederstreckten, weil sie dessen Geldbeutel für eine Waffe hielten, wurden die Beamten freigesprochen. Bruce Springsteen verewigte Diallo später in dem Song „American Skin“, doch Gerechtigkeit erfuhr der Tote nie. Als New Yorker Polizisten 2006 den unbewaffneten Sean Bell vor einem Nachtclub in Queens mit 50 Kugeln erschossen, wurde gar nicht erst Anklage erhoben – zu schwierig war die Beweislage.

Neue Debatte über Rassismus in den USA

„Wir können diese Ungerechtigkeiten in unserem Justizsystem nicht länger hinnehmen“, mahnte Hillary Clinton. „Sie untergraben unsere wichtigsten Werte: Fairness und Gleichheit.“ Mit diesen Werten ist es nicht weit her in den USA – und schon gar nicht in dieser Kleinstadt in Missouri, die jetzt für einige Wochen im Zentrum einer neuen Debatte über Rassismus in den USA stand. Unzählige Statistiken beweisen, dass es Gleichheit und Fairness für Schwarze in Amerika nicht gibt. Sie sind benachteiligt, wachsen in ärmeren Vierteln auf, gehen in schlechtere Schulen, leiden unter überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit, bekommen für vergleichbare Delikte deutlich höhere Gefängnisstrafen. Schwarze Amerikaner sind gegenüber ihren weißen Mitbürgern bis heute schwer benachteiligt.

Das „white privilege“ – das Phänomen, dass Weiße in den USA bevorzugt sind –, ist einmal mehr zum Hauptthema unzähliger Diskussionsrunden geworden. Dabei prallen die immer gleichen Fronten aufeinander: demokratisch gesinnte Kritiker des Status quo gegen verbohrte Republikaner, die sich bei ihrem Sprachrohr, dem Murdoch-Sender Fox News, zu Wort melden. Dort musste sich der polemische Talkmaster Bill O’Reilly von seiner ebenfalls konservativen Kollegin Megyn Kelly vorhalten lassen, dass Statistiken ein klares Bild zeigten und schwarze Amerikaner benachteiligt seien. Doch schon am nächsten Tag schlug O’Reilly zurück: Schwarze in Amerika seien prinzipiell selbst schuld an ihrer Misere, tönte er. Grund für die Ungleichheit sei nicht etwa die Hautfarbe, sondern die Tatsache, dass Schwarze oft aus zerrütteten Familien kämen und sich in der Schule nicht anstrengten.

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