Nach dem Tsunami : Zurück ins Leben

Michael Dwelk hat den Tsunami am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 überlebt. Sein Buch "Angekommen in der Gegenwart" soll auch anderen Traumaopfern helfen.

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Blumen des Mitgefühls. Kinder stecken Papierblumen vor der Großen Baiturrahman-Moschee in Banda Aceh in Indonesien zum Gedenken in die Erde. Die Grüße kommen aus Japan, mehr als 40 000 Japaner haben eine handgeschriebene Nachricht mitgeschickt.
Blumen des Mitgefühls. Kinder stecken Papierblumen vor der Großen Baiturrahman-Moschee in Banda Aceh in Indonesien zum Gedenken in...Foto: dpa

Diese Autorücklichter. Gerade erst ist Michael Dwelk aus Ritterhude bei Bremen darauf gekommen, warum es ihm innerlich schlecht geht, wenn er im Straßenverkehr Bremslichter aufleuchten sieht. „Als ich in Thailand vom Strand zum Krankenhaus abtransportiert wurde, lag ich mit anderen Tsunamiopfern zusammen in einem Auto und habe im Chaos und Stau die Lichter der Vorausfahrenden gesehen. Immer, wenn unser Auto anfuhr oder abbremste, waren die schrecklichen Schmerzensschreie von uns Verletzten zu hören.“

Sechs Jahre ist das her, heute, am zweiten Weihnachtsfeiertag. Infolge eines Seebebens im Indischen Ozean vor der indonesischen Insel Sumatra – bei einer Stärke von 9,3 das drittstärkste je gemessene Beben – ereignete sich eine der schlimmsten Naturkatastrophen der Geschichte der Menschheit. In acht asiatischen Ländern kamen rund 231 000 Menschen ums Leben. In die Region Berlin-Brandenburg kehrten 47 Menschen nie wieder zurück. In Berlin treffen sich Überlebende und Hinterbliebene heute wieder an der Gedenkstele in Form einer Welle auf dem Friedhof Alt-Tempelhof.

Michael Dwelk hat überlebt, und er hat darüber ein Buch geschrieben, das erste dieser Art. Der 49-jährige staatlich geprüfte Masseur und Osteopath beschreibt in „Angekommen in der Gegenwart“ nicht nur, wie er den tosenden Massen in Khao Lak entkam. Er zeigt auf, wie bürokratische Hürden und Unsensibilitäten den Opfern den Überlebenskampf in Deutschland zusätzlich zur Hölle machten. Und das Buch handelt von der Bewältigung seines Traumas, es bietet Hilfen für Traumatisierte, Angehörige oder Freunde.

„Bewegend finde ich die Schilderung der Entdeckung der eigenen Selbstheilungskräfte und des wachsenden Selbstvertrauens“, schreibt die führende deutsche Traumatherapeutin Luise Reddemann auf dem Buchdeckel. „So kann ich mir vorstellen, dass das Buch für Traumaopfer sehr unterstützend sein kann.“ Für Opfer sexuellen Missbrauchs, für Angehörige von Soldaten, von Unfallopfern, von Menschen, die sich von einem geliebten Kind, wie dem bei „Wetten dass...?“ verunglückten Samuel Koch, verabschieden müssen, weil der neue Menschen nicht mehr der alte ist.

Michael Dwelk.
Michael Dwelk.Foto: privat

Für Michael Dwelk begann sein Leben danach, als er, am dritten Urlaubstag mit seiner Lebensgefährtin Michaela einen verletzten Mann an einem Felsen liegen sieht. Da, wo das Meer war, aber keines mehr ist. Als er dem Verletzten zu Hilfe eilen will, donnern die Wellen heran. „Lärm oder laute Geräusche erschrecken mich noch heute“, sagt Dwelk. Auf einer Internetseite für Betroffene – „www.radarheinrich.de“ des Deutschen Heinrich Grosskopf – „meine ich mich auf einem Video zu erkennen, wie ich noch versuche wegzurennen“. Der Sog erfasst ihn, er fühlt Schläge am Körper, Baumstämme und Mobiliar. Er weiß nicht mehr, wo oben und unten ist, die Luft geht ihm aus. Dann zieht ihn „mein Lebensretter Roman“ aus dem Wasser, in einem Hotel, 500 Meter vom Ufer entfernt. Dwelk fürchtet zu verbluten. Wie durch ein Wunder wird auch seine Lebensgefährtin ins gleiche Hotel geschwemmt, auch sie hat überlebt.

Michael Dwelk weiß, wie Tod riecht, er sah, wie Angehörige durch die Leichenberge wateten, wie Kinder jeden Körper umdrehten, weil sie meinten, im Entstellten Mutter oder Vater zu erkennen, und wie sie ihnen mit einem Stock in den Bauch stießen, um zu prüfen, ob Wasser herausfließt, ob es ein Ertrunkener war. Dwelks Auslandskrankenversicherung wollte ihn so schnell wie möglich zur Behandlung nach Deutschland ausfliegen. Nicht so die deutschen Behörden. „Eine Vertreterin der deutschen Botschaft war bei mir in der Klinik, sie sagte, ich solle noch warten, ich würde dann mit der Bundeswehr ausgeflogen – ich sollte wohl in Frankfurt in die Fernsehkameras winken.“ Die Vertreter der Auslandskrankenversicherung warfen die Frau aus dem Zimmer.

In Deutschland spielte er mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Innenminister Otto Schily (SPD) hatte drei Millionen Euro Soforthilfe angekündigt. „Da kam der Anruf von der Behörde, ich solle die 7000 Euro jetzt zurückzahlen.“ Dwelk ist selbstständig, hatte nichts gespart. „Es würde helfen, wenn es in Deutschland eine Hilfsorganisation gäbe, die sich um Opfer von weltweiten Naturkatastrophen in Deutschland kümmern würde, doch es gibt nur Organisationen, die Opfern im Ausland helfen.“ Eine Anregung im Buch. Der Tagesspiegel hatte damals den Ärmsten der Armen helfen wollen, im Nordosten Sri Lankas. Dank unserer Leser, die 570 000 Euro spendeten, packten wir gemeinsam mit der Deutschen Welthungerhilfe eine der größten Hilfsaktionen deutscher Tageszeitungen an.

Wie hat Michael Dwelk alles verarbeitet? „Ich habe an professioneller Hilfe alles ausgeschöpft, was der Gesetzgeber ermöglicht.“ Seit kurzem ist seine Traumatherapie beendet, jetzt muss er eine zweijährige Pause machen, die Kasse erstattet solange nichts. Was er Angehörigen rät? „Nachbarn, Verwandte und Freunde sollten den Traumatisierten, der in seiner eigenen Welt lebt, abwechselnd besuchen.“ Er schreibt von der Glocke, unter der er sich wähnte. Die Logistik, Papierkram abnehmen, normaler Alltag gehe einfach nicht.

Dass er das Buch geschrieben hat, warf ihn erst noch einmal zurück. Depressionen. „Ich musste mir den Wecker stellen, nicht länger als eine Stunde schreiben, mich übermannten wieder Flashbacks.“ Ans Meer will er nicht mehr, das macht ihm Angst; Fliegen ist negativ besetzt. Als Dwelk mit dem Buch fertig war, ist ihm etwas vom Herzen gefallen, sagt er. Wie er den heutigen Tag verbringt? „Das lasse ich mir offen“, sagt er. Es gehe ihm von Jahr zu Jahr besser am zweiten Weihnachtsfeiertag. „Ins Schwimmbad gehe ich auf keinen Fall.“ Eine seiner Leidensgenossinnen hat einen Tauchschein gemacht, um dem verstorbenen Mann und Kind auf diese Weise näher zu sein. Sie litt noch mehr.

„Angekommen in der Gegenwart“, Michael Dwelk, Ko-Autorin Frauke Johannsen vom Biographiedienst Lebenstexte Berlin. Verlag Books on Demand GmbH, 11,90 Euro, im Onlinehandel und bei Buchläden zu bestellen: ISBN 978-3-8423-2793-1

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