Welt : Nach den großen Ferien: Es war so schön ... in der Langeweile

Harald Martenstein

Wo es Sehenswürdigkeiten gibt, da fahre ich nicht hin. Sehenswürdigkeiten lenken einen nur vom Blick in das eigene Innere ab. Ich will im Urlaub auch keine Action. Ich will nur dasitzen und gucken. Ab und zu stehe ich auf und gehe ein paar Meter. Oder ich trinke was. Dann setze ich mich wieder hin, und gucke nach innen. Wenn ich vom Nach- innen-Gucken genug habe, schaue ich mir die Landschaft an. Wenn ich mir die Landschaft fertig angeschaut habe, nehme ich mir das gute Buch vor. Das gute Buch lese ich eine gewisse Zeit lang, eine mittelkurze Zeit vielleicht. Danach fange ich wieder damit an, nach innen zu gucken.

Das kann wochenlang so gehen.

Im Urlaub suche ich langweilige Orte auf. Wenn ein Ort total out ist, fängt er an, für mich als Urlaubsziel attraktiv zu werden. Orte, die keine Internet-Homepage haben und die nicht einmal Misswahlen veranstalten. Orte, wo keine Siamkatzen leben. Wo es nämlich Siamkatzen gibt, dort leben meist auch interessante Menschen. Es sollen aber keine interessanten Menschen da sein. Mein Leben ist voller interessanter Menschen, sie strengen an in ihrer Interessantheit, ich mag sie, aber ich kann sie nicht das ganze Jahr hindurch ertragen.

Mein Urlaubsziel muss von geistig anspruchslosen, wortkargen, serviceorientierten Menschen bevölkert sein. Menschen, denen ich egal bin und die nur mein Geld wollen. Deswegen stören sie mich nicht, wenn ich herumsitze. Wenn sie sich mir nähern, dann gebe ich ihnen Geld, damit sie wieder weggehen, ich laufe ein paar Meter, trinke was. Sobald ich anfange, das Land interessant zu finden, fahre ich sofort wieder nach Hause. Mich für etwas zu interessieren - das kann ich ja auch zu Hause haben, und vor allem billiger.

Also, von so einer Gegend komme ich gerade zurück.

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