Welt : Nach den großen Ferien: Es war so schön ... mit Arenicola marina

Bernd Ulrich

Nordsee also. Warum nicht? Schräg gegenüber von Johannes Raus Lieblingsinsel Spiekeroog liegt das kleine Dorf Schillig. Obwohl Dorf zu viel gesagt ist. Früher waren da nur ein paar Scheunen, und heute ist da zwar ein Ort, aber nur während der Saison. Ein Kunstprodukt in der freien Natur, das in diesem Sommer, und in jedem anderen Sommer auch, ausschließlich von Familien besiedelt ist. Ein befreundetes schwules Paar, das uns für zwei Tage besuchte, meinte nur höflich lächelnd: "Iss schön hier, aber nicht so ganz unsere Szene." Unsere auch nicht. Die Annahme, dass Familien am liebsten von morgens bis abends mit Familien zusammen sind, ist unbegründet.

Warum fährt man dahin? Weil das Meer so brav und flach ist. Entweder es ist gar nicht da, sondern nur das Watt, dann ist Ebbe. Oder es ist maximal einen halben Meter tief, das nennen sie dann Flut. Ideal für Kinder, die da drin nämlich nicht ertrinken können, und das finden wir schön.

Warum noch nach Schillig? Wegen der Jagd. Nicht auf Wild natürlich, denn das hat Ohren, mit denen es das unablässige Plappern und Lachen der Kinder hören würde. Um dann rechtzeitig wegzulaufen. Nein, wir brauchen für unsere Jagd ein Tier, das keine Ohren hat und keine Beine, aber trotzdem interessant ist - der Wattwurm, auch Sandpapierwurm, Schlickringelwurm oder für Akademiker: Arenicola marina.

Neben seinen offenkundigen Vorzügen hat der lange Wurm aber auch einen kleinen Nachteil: Er lebt unterirdisch. Im Watt sieht man von ihm zunächst einmal nur einen Trichter. Da frisst er den Sand in sich hinein. Sodann sieht man ein Häufchen Sandkringel. Da scheidet er den Sand wieder aus. Das ganze Wattenmeer ist übersät mit Wattwurmkötteln.

Als ich das den Kindern erklärte, wurde die erste Wattwurmsafari unter lautem Iiiih-Geschrei abgebrochen. Am zweiten Tag traten wir mit einem Kinderspaten aus Metall an. Der brach beim ersten Versuch, den Wattwurm auszubuddeln, sofort durch. Der Safari dritter Teil: Diesmal war der Spaten stabiler, und tatsächlich hoben wir einen Wattwurm aus seinem U-förmigen Sandbett.

Genauer: drei Wattwürmer. Da hatte der liebe Öko-Papa das arme Tier offensichtlich in drei Teile zerlegt. Ähem. Sofortiger Abbruch der Jagd. "Ziemlich klein hier die Wattwürmer, findest du nicht auch Papa?" "Ja wirklich, muss eine besondere Sorte sein."

Abends sind wir dann mit unseren Freunden in ein Restaurant gefahren. Es gab Scholle. Tot und unzerteilt. Nordsee also, warum nicht?

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