Welt : Nach der Massenpanik: Ein tragischer Tag für den Fußball am Kap

Wolfgang Drechsler

Am Tag danach deutet im Ellis Park-Stadion nur noch wenig auf das Grauen des Vorabends hin: Die eingerissenen Absperrzäune sind von Wachbeamten umstellt und an einigen Sitzplätzen klebt noch Blut. Ansonsten zeugen nur ein paar herumliegende Sandalen und eine Reihe zerrissener Vereinsfahnen davon, das sich hier am Mittwochabend das schlimmste Desaster in der Sportgeschichte Südafrikas abgespielt hat.

43 Menschen wurden in der Nordwestecke der nur mit Sitzplätzen ausgestatteten Arena zu Tode getrampelt, als Tausende von Fans, die keine Karte zum Spitzenspiel der Fußball-Liga hatten, zwei Absperrungen niederrissen und in das bereits völlig überfüllte Stadion drängten. Wie im englischen Hillsborough-Stadion, wo vor 12 Jahren 96 Liverpool-Fans ums Leben kamen, verhinderten auch in Johannesburg die hohen Absperrzäune am Spielfeldrand, dass die Fans dem Massenansturm durch einen Sprung ins Stadioninnere entrinnen konnten. Einige wurden am Zaun erdrückt, andere in den Gängen totgetrampelt.

Auch am Karfreitag war vielen Augenzeugen der Tragödie noch immer unbegreiflich, dass die Organisatoren des Spiels offenbar lange Zeit das Ausmaß der Katastrophe völlig verkannten. So dauerte es mehr als eine halbe Stunde bis das Match schließlich unterbrochen wurde - und dies geschah auch erst, als die ersten Leichen bereits über die Absperrung ins Stadioninnere gereicht und im grellen Scheinwerferlicht hinter einem der Torpfosten platziert wurden.

Zum Thema Hintergrund: Das Unglück erinnert an die Katastrophe in Sheffield Hintergrund: Die schwersten Ausschreitungen und Unglücke bei Fußball-Spielen Als ebenso skandalös wurde von Beobachtern die geringe Polizeipräsenz beschrieben. Kaum 100 Ordnungskräfte, so hieß es, waren zur Kontrolle der mehr als 100 000 Fans vor und im Stadion aufgeboten worden. Dabei ist seit langem bekannt, dass Spiele zwischen den beiden Topvereinen Kaizer Chiefs und Orlando Pirates unter der schwarzen Fangemeinde am Kap stets eine besondere Leidenschaft entfachen. Die Rivalität der beiden größten Clubs des Landes ist groß. Während den Kaizer Chiefs, vergleichbar mit dem FC Bayern, im südafrikanischen Fußball die Rolle des elder statesman zufällt, werden die traditionsreichen Pirates vor allem von Arbeitslosen und der schwarzen Arbeiterklasse unterstützt.

Die Tragödie selbst hätte für Südafrika zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen können. Nach der knapp gescheiterten Bewerbung für die Fußball-WM 2006 wurden dem Land bis zum Mittwoch die besten Chancen eingeräumt, Afrikas erstes Fußball-Championat auszurichten. Erst im letzten Monat hatte Fifa-Präsident Sepp Blatter erklärt, dass die WM 2010 definitiv in einem afrikanischen Land ausgetragen werde. Die letzte Hürde lag für Südafrikas Fußballfunktionäre nach eigenem Bekunden nun allein darin, die Fifa zu überzeugen, dass ihr Land sicher genug sei. Die Vorkommnisse am Mittwoch dürften sich gerade in dieser Hinsicht als denkbar schlechte Visitenkarte erweisen.

Wie bereits zuvor ist auch dieses Mal Südafrikas Fußballverband Safa in den Mittelpunkt der Kritik geraten. Nachdem seine Funktionäre in den letzten Jahren nach Finanzskandalen und Ausschreitungen regelmäßig Besserung gelobt hatten, ohne etwas zu ändern, wird die Funktionärsriege diesmal kaum um eine ehrliche Bestandsaufnahme und um handfeste Konsequenzen herumkommen. Seit Jahren haben Journalisten und Fans vergeblich auf die verheerende Organisation des Fußballs am Kap verwiesen, ohne dass sich an den Zuständen irgendetwas verändert hätte. So gehört es in Südafrika mittlerweile fast schon zum Sportalltag, dass es kurz vor Spielbeginn zu einem enormen Andrang auf die wenigen Kartenhäuschen kommt.

Zum einen liegt dies daran, dass viele Teams die Tickets nur widerwillig im voraus in etablierten Verkaufsstellen anbieten, weil ihnen dadurch ein Teil der Einnahmen entgeht. Zum anderen liegt dies an den Fans selbst. Viele ziehen es offenbar vor, die Karten erst am Spieltag zu kaufen. Daneben ist es seit langem ein offenes Geheimnis, dass Ordnungshüter für umgerechnet drei Mark viele Fans ohne Karte ins Stadion lassen. "Fußball ist bei uns ein Mafiasport" schäumt der bekannte Sportjournalist Mark Gleason. "Man sieht Leute, die am Stadiontor Tickets abreißen und am nächsten Tag in einem Luxusauto durchs Township kurven." Gleason selbst vermisst im südafrikanischen Fußballverband vor allem ein Mindestmaß an Vorausplanung. "Viele der Funktionäre sind reine Selbstdarsteller, die nur Krisenmanagement betreiben und auf Entwicklungen reagieren", kritisert er.

Obwohl Südafrika am Karfreitag noch immer unter Schock stand und die Kritik an den Fußballbossen wuchs, ist die Hoffnung auf Besserung gering. Schon die Eigeninteressen vieler Clubbesitzer dürften drastischen Veränderungen entgegenstehen. Auf ein Aussitzen des Desasters durch die Verbandsspitze deutet aber auch der Rückfall vieler Funktionäre in die hinlänglich bekannten Verhaltensmuster hin. Die meisten versuchten noch am Abend der Katastrophe, den schwarzen Peter umgehend an Fans und Polizei weiterzureichen. Auch Danny Jordaan, der um die Probleme im Verband weiß, steckte den Kopf tief in den Sand. Er verblüffte mit der Feststellung, dass das traurige Ereignis "keine Auswirkungen auf Südafrikas Chancen haben wird, die WM 2010 auszurichten". Er sei davon überzeugt, dass die Sicherheit bei Fußballspielen nicht die eigentliche Achillesverse der südafrikanischen WM-Bewerbung sei.

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