Nach der Wahl : Die amerikanische Familie

Die Kinder sollten in möglichst normaler Umgebung aufwachsen. Doch nun beginnt für Barack Obama, seine Frau Michelle und die Kinder Malia und Sasha in Washington ein ganz anderes Leben.

Christoph von Marschall[Washington]
Obama Family
Eine liebende Familie. Barack und Michelle Obama mit den Kindern Malia und Sasha. -Foto: Getty

Vor vier Jahren haben die Obamas den Umzug vermieden. Als Barack im November 2004 zum Senator des Staates Illinois gewählt wurde, war die Entscheidung rasch klar: Er geht allein nach Washington, mietet sich dort eine kleine Unterkunft für die Wochentage und kommt so oft es geht nach Hause. Die Familie aber bleibt in Chicago – nicht nur, weil seine Frau Michelle dort einen attraktiven Job als Vizechefin des Universitätsklinikums hatte, sondern mehr noch wegen der beiden Töchter. Malia und Sasha sollten möglichst normal aufwachsen, nicht als privilegierte Politikerkinder. Sie sollten nicht aus ihrer gewohnten Umgebung und den Freundschaften in Hyde Park, dem Wohnviertel um die Universität, herausgerissen werden.

Nun müssen sie nach Washington umziehen. Und so attraktiv die Aussicht, im Weißen Haus zu wohnen, in den Augen vieler Normalsterblicher erscheinen mag – für die Familie Obama bedeutet der Wechsel einen Rattenschwanz von Problemen. In welche Schule sollen Malia und Sasha gehen, die inzwischen zehn und sieben Jahre alt sind? Wie verkraften sie den Verlust der Freundschaften, zumal sie in Washington ja nicht einfach in der Nachbarschaft neue gleichaltrige Kinder kennenlernen können? Und was ist mit ihrer Betreuung, wenn Mutter Michelle keine Zeit für sie hat? Ihre Arbeit im Klinikum hat sie schon 2007 aufgegeben, um im Wahlkampf auszuhelfen. Als First Lady warten unzählige neue Aufgaben, sie wird den Präsidenten auch auf Auslandsreisen begleiten. Die Nation dagegen schaut mit völlig anderen Augen auf die Entwicklung. Endlich mal wieder süße Kinder im Weißen Haus. Die First Family ist für viele Amerikaner, was den Europäern die Royals sind. Unter den jüngsten Präsidenten waren sie nicht gerade verwöhnt. Die Zwillinge des amtierenden Präsidentenpaars, Jenna und Barbara, waren bereits 19, als die Bushs 2001 ins Weiße Haus einzogen. Und sie machten vor allem durch „under- age drinking“ von sich reden. Alkoholkonsum ist in den USA erst ab 21 Jahren erlaubt.

Chelsea Clinton stammt aus derselben Generation. Sie war ein Teenager mit Akneproblemen, als ihre Familie von Little Rock, Arkansas, ins Zentrum der Hauptstadt zog.

Bei der Erinnerung an kleine Kinder im Weißen Haus müssen die Amerikaner mehr als vierzig Jahre zurückgehen, in die Präsidentschaft von John F. Kennedy und seiner Frau Jackie. Die Bilder vom zweijährigen John-John unter dem Schreibtisch im Oval Office gehören untrennbar zum Mythos der Kennedys. Da knüpfen die Erwartungen der Nation an die Obamas an.

Und doch ist es eine völlig neue Ära. Noch nie hat eine schwarze Familie die Vorbildrolle ausgefüllt. Malia und Sasha wärmen die Herzen der meisten Amerikaner. Aber jede Entgleisung wird wie durch eine Lupe vergrößert wahrgenommen. Welche Rasse der versprochene Hundewelpe haben wird, den sie erst noch aussuchen müssen, wird die Medien ebenso beschäftigen wie die Frage nach dem Abschneiden bei den ersten Klassenarbeiten in Washington. Noch sind die Medien voller Wohlwollen. Die Fersehsender wetteifern in fast untertäniger Berichterstattung. Die „New York Times“ spekuliert, ob Staatsessen oder die Einladung der Töchter an Gleichaltrige zum „Sleepover“, einer Übernachtung im Schlafsack, im Weißen Haus die Oberhand behalten.

Freunde der Familie sagen, die Eltern Obama würden eher versuchen, möglichst viele Elemente des Chicagoer Lebens nach Washington zu transferieren, als dort eine völlig neue soziale Umgebung aufzubauen. Vermutlich wird Michelles Mutter Marian Robinson mit ins Weiße Haus ziehen. Zumindest wird sie für die Enkelinnen da sein, wenn die Mutter auf Reisen ist. So war es auch bisher.

Nicht mitnehmen können die Kinder ihre Schule. In Chicago besuchten sie die Privatschule der Universität. Barack Obama hat jahrelang Verfassungsrecht gelehrt. Die Auswahl der Schule in Washington will Michelle übernehmen. Sie wird dabei genau beobachtet. Von Demokraten erwartet man, dass sie ihre Kinder in öffentliche Schulen schicken. Die haben in Washington jedoch keinen guten Ruf. Die Clintons haben Chelsea auf die Privatschule Sidwell Friends geschickt. Auch die Georgetown Day School gehört zur engeren Auswahl.

Der Alltag für Michelle und die Töchter wird sich radikal verändern. Seit Jahren und selbst in der Hochphase des Wahlkampfs noch hatten die drei die Samstage mit zwei Freundinnen Michelles aus den Kindheitstagen und deren Nachwuchs in der South Side von Chicago verbracht. Sie gingen, zum Beispiel, oft Pizza essen. Einen Großteil der Freizeit verbrachten die Mädchen in Hinterhöfen und Gärtchen der Freunde der Familie, mit Seilspringen oder Musikhören, vorzugsweise Lieder von Soulja Boy und Beyoncé Knowles. Oder bei der Großmutter in dem kleinen Backsteinhäuschen, in dem Mutter Michelle aufgewachsen ist.

Eines bessert sich in Washington: Die Familie kann wieder öfter gemeinsam zu Abend essen. Seit Jahren war Barack Obama selten zu Hause, vor 2004 wegen seiner Landtagsarbeit in Springfield, der Hauptstadt von Illinois, mehrere hundert Kilometer südlich von Chicago. Dann als Senator in Washington und die jüngsten annähernd zwei Jahre auf Wahlkampf quer durch die USA.

Erstmals seit langem zieht wieder eine komplette Familie ins Weiße Haus ein: Vater, Mutter und richtige Kinder. Wichtige, kindgerechte nationale Festtermine im Weißen Haus wie der Ostereierlauf auf der Südwiese oder das Aufstellen des präsidialen Weihnachtsbaums werden nicht mehr allein für kindliche Gäste veranstaltet, sondern für Bewohner der vornehmsten Adresse.

Die Obamas haben es zudem in der Hand, das Bild von der typischen afroamerikanischen Familie zu verändern. Viele Amerikaner denken dabei bisher an Teenagerschwangerschaften, alleinerziehende Mütter und Väter, die nach der Zeugung nur selten Verantwortung übernehmen. Die Obamas sind das Gegenmodell – für die afroamerikanische Minderheit ebenso wie für die weiße Mehrheit. In Obamas Siegesrede in der Wahlnacht in Chicago konnte die Nation sich im Fernsehen ein Bild von der First Family machen. Noch bevor Barack davon sprach – „Malia und Sasha, ich liebe euch mehr, als ihr euch vorstellen könnt; und ihr habt euch den Hundewelpen verdient, der mit uns nach Washington kommen wird“ –, hatte man sie zusammen auf die Bühne kommen sehen. Malia, schon fast eine junge Dame in ihrem roten Kleid, an der Hand der Mutter; Sasha, die Jüngere, noch leicht kindlich verspielt, an der Hand des Vaters; und als sie da oben standen und der Nation zuwinkten, als hätten sie ihr halbes Leben nichts anderes getan, schmiegte Sasha ihren Kopf in die Armbeuge des Vaters. „Da kommt eine intakte schwarze Familie ins Weiße Haus, eine glückliche Familie, mit wunderbaren Kindern und einem großen Verwandtenkreis“, beschreibt Verna Williams, eine engeFreundin von Michelle, in der „New York Times“, wie die Obamas das Bild von der First Family prägen werden. Eine Familie, die ihre Bodenhaftung trotz des unwahrscheinlichen Erfolgs bisher nicht verloren hat. Ob sie Michelle jetzt mit einem Titel anreden müsse, hatte Verna gefragt. Dann aber hätten Michelle und sie über mögliche Anreden geblödelt – und seien auf Varianten verfallen, die man in den Medien nicht mal wiederholen dürfe.

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