Welt : Nach drei Jahren ohne Regen droht 16 Millionen Menschen eine Hungersnot

Christoph Link

Besonders hart betroffen ist die Provinz Ogaden in Äthiopien. Erst stirbt das Vieh ...Christoph Link

Schon weit vor dem Ort Danan künden Zeichen von der Dürre. Nomaden haben die vertrockneten Kadaver der Rinder an die staubig-grauen Büsche gelehnt, da stehen sie nun aufrecht und sehen aus wie Wegweiser zur Katastrophe. Danan ist ein kleiner Flecken in Ogaden im Südosten Äthiopiens, mit Verkaufsbuden, Friseurhütten, Teeausschank und einer Gemeindeverwaltung. Weniger die Geschäfte haben die Hungerflüchtlinge angelockt als die Behörde. "Wir kamen, um Hilfe zu holen, wir sagten dem Bürgermeister, wir hungern", sagt Muammed Giule, ein alter Mann, der sich mit einem wilden Turban vor der Sonne schützt. Das Amt habe ein Telegramm nach Addis Abeba geschickt, von dort aus habe man "die Welt" alarmiert, glaubt Giule.

Alarmiert sind vor allem die Journalisten, von Nahrungsmittelhilfe ist wenig zu sehen. Seit Tagen laden Hilfsorganisationen wie Worldvision, Unicef, Welthungerhilfe und "Save the Children" Reporterteams nach Danan ein, sie chartern Flugzeuge für ein ganzes Heer von Journalisten, um das Elend im Lager von Danan zu besichtigen. 6000 Menschen hausen am Ortsrand in provisorisch mit Häuten und Plastik geflickten Rundzelten, kommt ein Kamerateam, schart sich sofort eine Menge drumherum. Mütter haben ausgemergelte Kinder unter Tüchern verborgen, sie führen die Hand immer wieder zum Mund, um den Hunger anzudeuten, und sie zeigen auf die dünnen Beine und Arme ihrer Kinder. Die meisten Viehbauern sind tagelang aus ihren Dörfern nach Danan gelaufen, um Rettung zu finden. Einige Männer haben die Frauen alleine geschickt, damit sie selbst sich um das überlebende Vieh kümmern können.

Habiba Teke, eine 37-Jährige, trägt ihre kleine Amena im Arm, ein abgemagertes Kind, hohle Wangen, große, leere Augen. Immer wieder zupft die Kleine an ihrer Mutter, als ob sie um Essen betteln würde. "Als wir vor drei Monaten hierher kamen, da war sie noch gesund", sagt Habiba Teke. "Wir haben Hunger." Als alle Rinder und Schafe verendet waren, hatte Teke sich mit ihren vier Kinder auf den Weg gemacht. Sieben Tage lang lief sie durch die Wüste bis nach Danan, doch viel besser ist es hier auch nicht.

Ein Gang durch das Lager ist deprimierend, überall winken einem Menschen zu, man solle sich auch ihr Schicksal ansehen: Hier liegt ein apathisches Kind in den Armen seiner Mutter, dort liegt eine alte Frau im Schatten einer Manyatta, einer Hütte, im Sterben. Da drüben sind Zwillinge, der eine ist gut genährt, der andere leidet an Diar-rhöe und scheint dem Tode geweiht.

Die Auszehrung trifft nicht nur die Kinder und die Alten. Die 25-jährige Seinebe Abdi ist bis auf die Knochen abgemagert, Hunger und Durchfall haben ihr zugesetzt, Verwandte müssen sich um ihr zweijähriges Kind kümmern. Was wird die Zukunft bringen? Seinebe Abdi sagt, das wisse nur Allah. Dann zeigt sie auf einen kleinen Talisman, der an einer Kette um ihren Hals baumelt.

Vor der Dürre ist schon im Dezember 1999 gewarnt worden, seit drei Jahren fallen die Regenzeiten im Frühjahr und Herbst aus. Auch die Turkana in Kenia, die Karamoja in Uganda, Djibouti und der Südsudan sind betroffen. Aber erst jetzt läuft ein internationales Hilfsprogramm langsam an. Und trotz aller Elendsbilder weigern sich die Helfer noch, von Hungersnot zu sprechen. "Es ist ein Dürrenotfall", sagt Poul Brandrup, Koordinator der amerikanischen Hilfsorganisation "Save the children" in der Bezirksstadt Gode, in die sich 14 000 Hungernde geflüchtet haben. Hungersnot sei nach den Standards der internationalen Helfer so definiert, dass bei einem Nahrungsmangel weite Teile der Bevölkerung sterben, sagt Brandrup. Das sei in Ogaden noch nicht der Fall.

Der 20-jährigen Faradoso sind diese Unterschiede gleichgültig. Eins ihrer beiden Kinder ist verhungert, es nahm keine Nahrung mehr auf. Jetzt fürchtet sie um ihr zweites, den drei Jahre alten Acid, ein Kind mit Greisengesicht, abgemagert. Faradoso hat im Babyfütterzentrum von Gode Zuflucht gefunden, eine mustergültige Einrichtung mit Platz für 250 Kinder und deren Mütter. "Save the Children" hat für sie drei riesige Hütten aus Buschwerk bauen lassen, eine Mischung aus Kindergarten und Intensivstation. Somali-Frauen in ihren bunten traditionellen Kleidern liegen auf Matten und sorgen sich um ihre Babys. Drei Mal am Tag werden Hochenergie-Biskuits, Milch und Falafa ausgeteilt, die typische Grütze der Somalis. Auch einige Großeltern sitzen herum, die Männer mit Käppi und Stock.

Die Todesrate im Fütterzentrum habe man senken können, sagt der Krankenpfleger Mohammed Adilkadir. Am Anfang seien jede Woche 20 Kinder gestorben, jetzt seien es nur noch 14. "Viele der Opfer waren nach langem Marsch gerade erst angekommen." Die mangelnde Nahrung macht anfällig für Krankheiten: Lungenentzündung, Tuberkulose, Amöbenruhr und Malaria diagnostizieren die zwei Ärzte im Babyzentrum. Viele Kinder haben Nierenleiden, verursacht durch den Genuss von salzhaltigem Wasser, das durch die Überbeanspruchung der Wasserstellen entstanden ist.

Die Nomaden haben gelernt, mit drei fehlenden Regenzeiten klarzukommen, doch wenn sechs Mal der Regen ausbleibt, ist es zu viel. Erst stirbt das Vieh, dann stirbt der Mensch. Der 18-jährige Hirte Hassan schildert, wie seine Rinder verendet sind. "Morgens stehen sie nicht mehr auf, ich ziehe an ihnen, es hilft nichts. In zehn Tagen sind sie tot." Hassan sind von 100 Stück Vieh noch 20 übrig geblieben. Er treibt sie durch das Dürreland, abgemagerte Kühe, sie kauen auf verdorrten Sträuchern, sie knabbern an den Blättern der Bäume.

Einen Tag lang glauben alle an Regen. Windhosen jagen roten Staub in den Himmel, ein gutes Zeichen, sagen die Leute. Weiße Wolken ziehen auf, und der Erzbischof von Addis Abeba reist mit dem Flugzeug nach Gode, um für den Regen zu beten. Doch am nächsten Tag ist der Albtraum wieder da, strahlend blauer Himmel. Regen wird ersehnt, Regen wird gefürchtet. Gibt es einen Dauerregen von zwei Wochen, den das Land braucht, dann werde das Vieh weiter sterben, sagt ein Mitarbeiter der "German Agro Action". Die Tiere sind nicht mehr resistent gegen Bakterien, das Fell ist dünn, und mit ihren Hufen werden sie im Schlamm stecken bleiben.

Ogaden ist eine weitgehend von Somali bewohnte Provinz Äthiopiens. Die Regierung kümmere sich um diesen abgelegenen Landstrich nicht, die Straßen seien schlecht, Schulen und Hospitäler fehlten hier, sagen ausländische Kritiker. Hinter vorgehaltener Hand machen sie auch die Regierung in Addis dafür verantwortlich, dass spät und nur wenig Hilfe nach Ogaden kam. Einmal im Monat, so berichten Familien in Danan, bekommen sie fünf Kilo Regierungs-Getreide, das reiche nicht aus. Manche sagen, sie bekommen nur ein Kilo - sonst nichts. Der Arzt Mohammed Ibrahim Okash von der "Ogaden Welfare Society" in Gode sieht die Schuld hingegen bei der internationalen Gemeinschaft: "Wir haben keine Nahrung, wir haben keine Medikamente. Die Welt hilft uns nur, wenn sie Fernsehbilder sieht."

Vier Lastwagen mit je 250 Sack Weizen aus Zentraläthiopien sind in Gode angekommen. Die Fahrer sind aus Somalia, auch die bunt geschmückten Autos sind dort zugelassen, denn Äthiopien hat nicht genug LKW-Kapazitäten. Fünf Tage habe man für die Strecke von Dire Dawa in Zentraläthiopien nach Gode gebraucht, sagt ein Fahrer, die Straße ist ein Nadelöhr, kaum brauchbar für Hilfstransporte. Es bleibt deshalb nur der Luftweg, der Flughafen in Gode hat eine gute Piste, Transall- und Hercules-Maschinen können dort landen, Militärs hatten das Flugfeld von Gode im Ogaden-Krieg gegen Somalia bauen lassen, das war zu Zeiten von Kaiser Haile Selassie und eine der größten Investitionen in dieser Gegend.

Szenenwechsel. Hunger-Pressekonferenz im Hilton von Addis Abeba, die internationalen Hilfsverbände haben geladen, rund 100 Journalisten sind da. Äthiopien mit seinen 60 Millionen Einwohnern gilt als eines der ärmsten Länder der Welt, nur jeder fünfte Äthiopier hat Zugang zu sauberem Trinkwasser, und bei der Einstufung von 174 Staaten nach Kriterien des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen rangiert es auf Platz 172. Und natürlich taucht im Hilton die Frage auf, warum sich Äthiopien in einen Grenzkrieg mit Eritrea verwickeln lässt. "Was gibt die Regierung für den Krieg, was gibt sie für die Hungernden", fragt ein britischer Reporter den wirtschaftlichen Berater des Premierministers, Ato Newai. Der windet sich, lieber bringt er Zahlen, wie der Düngemittel-Einsatz im Lande trotz des Krieges gestiegen ist. Auch ein armes Land habe das Recht, sich zu verteidigen, sagt er.

Anfang April hat die äthiopische Regierung vier Jagdflugzeuge des Typs SU-25 in Russland gekauft, die Nachricht löste bei den Helfern und Reportern im armen Ogaden Kopfschütteln aus: "Die Äthiopier sollen doch ihre eigene Luftbrücke machen", meinte ein Entwicklungshelfer. Kathrin Hackstein von der Deutschen Welthungerhilfe in Addis Abeba aber sucht eine konstruktive Lösung. Sie will die Bundesregierung dafür gewinnen, kurzfristig Hochprotein-Nahrung einzufliegen, bis die Nahrungsmittelhilfe der UN in einigen Wochen endlich kommt. "Wir können nicht länger auf Wunder warten", sagt Kathrin Hackstein.

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