Nach Erdbeben in Birma : Das Goldene Dreieck der Generäle

Birmas Militär lässt keine ausländischen Helfer in das Bebengebiet – es ist Haupterntezeit für Opium, an dem die Armee verdient.

Sascha Zastiral
Mit dem Schirm in der Hand. Überlebende Frauen sitzen auf den Trümmern ihres Hauses in Tarlay, Birma.
Mit dem Schirm in der Hand. Überlebende Frauen sitzen auf den Trümmern ihres Hauses in Tarlay, Birma.Foto: AFP

„Alle Häuser in meinem Dorf sind zerstört worden. Keines blieb unversehrt“, sagt Chai aus einem Dorf im Osten von Birma. Der Mann verlässt gerade das Krankenhaus in der thailändischen Grenzstadt Mae Sai. Verwandte haben ihn über die Grenze hierhergebracht, nachdem am Donnerstagabend ein schweres Erdbeben die Region nördlich der Stadt Tachileik verwüstet hat. Schnittwunden und Prellungen am ganzen Körper zeugen davon, was Chai durchgemacht hat.

„Wir waren gerade beim Fernsehen, als das Beben angefangen hat. Meine Frau und mein Sohn konnten nicht mehr wegrennen und sind im Haus gestorben, als Steine auf sie gefallen sind. Mein Vater ist später an seinen Verletzungen gestorben.“ Auch Chai und einer seiner Neffen wurden unter dem eingestürzten Haus begraben. Verwandte haben die beiden Männer schließlich lebend aus den Trümmern gezogen. Jetzt macht sich Chai auf den Weg in sein zerstörtes Dorf, um seine Familie zu begraben.

Vielen Menschen im Erdbebengebiet ist noch immer der Schock anzumerken. Viele von ihnen schlafen im Freien, seit am Donnerstagabend das schwere Beben der Stärke 6,8 die Grenzregion zwischen Thailand, Birma und Laos erschüttert hat. Die Kleinstadt Tahlay und das Dorf Monglin, die 20 Kilometer vom Epizentrum entfernt liegen, sind bei dem Beben fast vollständig zerstört worden. Eine wichtige Brücke wurde schwer beschädigt, die wichtigsten Verkehrswege in der Region damit unterbrochen. In der Nähe ist eine Kirche, in der viele Menschen nach den ersten schweren Erdstößen Zuflucht gesucht haben, bei einem Nachbeben eingestürzt und hat viele von ihnen unter sich begraben.

Daher ist mittlerweile klar, dass die Opferzahlen – offiziell ist am Sonntagnachmittag von 79 Toten die Rede – noch drastisch ansteigen werden. Denn eine große, unwegsame Bergregion, in der das Epizentrum des Bebens liegt, ist weiterhin komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Was aus den Menschen geworden ist, die dort in etwa 60 Dörfern leben, ist unklar. Beobachter befürchten das Schlimmste.

Verschiedene Gruppen von Rebellen und die Armee haben das Gebiet aufgeteilt

„Unsere Mitarbeiter versuchen weiter, in die Region vorzudringen und sich ein Bild zu machen“, sagt eine Aktivistin einer lokalen, im Untergrund tätigen Menschenrechtsgruppe. „Jedoch werden sie von der Armee daran gehindert. Soldaten haben das gesamte Gebiet abgeriegelt und lassen niemanden hinein. Wir versuchen herauszufinden, warum das so ist.“

Die am schwersten betroffene Region ist vollständig unter der Kontrolle von Birmas Regierungsarmee. Direkt angrenzend liegen Gebiete, in denen ethnische Milizen das Sagen haben. Birmas Junta und mehrere Rebellengruppen haben nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen die Region „Shan-Staat“ unter sich aufgeteilt. Gemeinsam verdienen sie am Drogenanbau. Birma ist einer größten Opiumproduzenten der Welt.

Dabei legen Studien nahe, dass in den Gebieten, die von Söldnern des Regimes kontrolliert werden, besonders viel Opium angepflanzt wird. Seit einem Putsch im Jahr 1988 gilt die Direktive, dass sich Birmas Armeeeinheiten in Rebellengebieten selbst mit Lebensmitteln versorgen und finanzieren sollen.

Zwar werden im gesamten Osten Birmas, in dem vor allem Mitglieder der Shan-Ethnie leben, große Mengen an Opium angebaut. In den Gebieten, die der Armee unterstehen, bleibt den Bauern jedoch angesichts der hohen Schutzgelder, die sie an die Soldaten entrichten müssen, oft nichts anderes übrig, als die Pflanze anzubauen, aus der später Heroin gewonnen wird.

Gerade jetzt ist die Haupterntezeit.

„Es liegt nahe, dass die Armee deswegen niemanden in das Gebiet um das Epizentrum lässt“, sagt eine Mitarbeiterin einer lokalen Hilfsorganisation. Sie möchte wie die meisten Menschen in Birma nicht namentlich genannt werden, da sie Repressalien durch das Regime fürchtet. „Dass die Armee in das Drogengeschäft verwickelt ist, ist allgemein bekannt. Die Armee möchte offensichtlich nicht, dass Außenstehende einen Einblick in ihre Geschäfte dort bekommt.“

Das Regime hat aus vergangenen Fehlern gelernt und zeigt Präsenz

Wie sehr das Regime seine Interessen über die der Menschen in Birma stellt, wurde vor knapp drei Jahren deutlich. Aus Angst vor „westlichen Agenten“ haben Birmas Generäle nach dem verheerenden tropischen Wirbelsturm Nargis im Mai 2008 lange keine Rettungshelfer oder Hilfsgüter ins Land gelassen. Mindestens 138 000 Menschen waren damals umgekommen, Millionen Überlebende von Hunger und Seuchen bedroht. Erst nach einem internationalen Aufschrei öffneten Birmas Gewaltherrscher das Land Wochen nach der Katastrophe für Hilfsorganisationen und Hilfsgüter.

Zumindest scheinen Birmas Generäle aus dem PR-Desaster damals gelernt zu haben. Seit dem Wochenende werden Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen, unter ihnen das Welternährungsprogramm und Unicef, in die Region um den zerstörten Ort Tahlay vorgelassen. Jedoch weigert sich das Regime auch dieses Mal, ausländische Helfer ins Land zu lassen. Nur lokale Mitarbeiter dürfen zu den Überlebenden. Journalisten wird der Zugang in die betroffene Region verwehrt.

Auch läuft die staatliche Propaganda-Maschinerie auf Hochtouren. In der Stadt Tachileik an der Grenze zu Thailand sichern schwer bewaffnete Soldaten auf einem Lastwagen einen Kreisverkehr. Ein Geheimpolizist in einer grauen Jacke überwacht die Lage. Dann schiebt sich ein Konvoi aus japanischen Limousinen, begleitet von bewaffneten Soldaten und Polizisten, rasch vorbei. Generäle und hohe Amtsträger aus der Hauptstadt Naypyidaw sind gekommen, um Präsenz zu zeigen. Staatliche Medien berichten intensiv über den Besuch. Über das Schicksal der Tausenden von Menschen in den Bergdörfern rund um das Epizentrum verlieren sie jedoch kein Wort.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben