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Nach Explosion auf Bohrinsel : Feuer ins Öl - drittes Leck entdeckt

Ein drittes Leck wurde entdeckt, im Golf von Mexiko droht eine Katastrophe – die Behörden wollen sie durch Abfackeln abwenden.

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Nicht weit von New Orleans. Dieses Satellitenbild der Nasa zeigt den Ölteppich im Golf von Mexiko. Foto: dpa
Nicht weit von New Orleans. Dieses Satellitenbild der Nasa zeigt den Ölteppich im Golf von Mexiko. Foto: dpaFoto: dpa

Der gigantische Ölteppich im Golf von Mexiko bereitet nun selbst industrienahen Kreisen Sorge. Das „Wall Street Journal“ verteidigt gewöhnlich die Energiekonzerne und hält die Risiken der Hochseebohrinseln für beherrschbar. Am Mittwoch warnte das Blatt jedoch, der umweltgefährdende Schlick drohe am Wochenende die US-Küste zu erreichen. Nach Angaben der US-Küstenwache ist am späten Mittwochabend außerdem ein drittes Leck entdeckt worden, aus dem Öl ins Wasser austritt, dies teilte die Agentur AFP mit. Demnach wird nach Angaben des Senders CNN nun geschätzt, dass pro Tag fast 666 Tonnen Rohöl ins Meer gelangen - fast fünf Mal so viel wie bisher angenommen.

Am Dienstag vergangener Woche war es auf der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ 70 Kilometer vor der Küste zu einer schweren Explosion gekommen; sie sank zwei Tage später. Die bisherigen Versuche, die Katastrophe einzudämmen, hätten wenig Wirkung gezeigt, schreibt die Zeitung in einem prominent platzierten Artikel. Der Ölteppich habe sich auf eine Fläche von 160 mal 65 Kilometer ausgedehnt. Das entspreche der Größe der Karibikinsel Jamaika. Der Abstand zum hoch sensiblen Ökosystem des Mississippideltas betrage nur noch rund 30 Kilometer.

Dem jüngsten Abwehrplan gewinnt das Blatt wenig ab. Die Ölfirma BP und die Behörden haben am Mittwoch begonnen, einen Teil des auf der Wasseroberfläche treibenden Schlicks „kontrolliert zu verbrennen“. Das werde die Luft jedoch verschmutzen und gilt bestenfalls als kleineres Übel im Vergleich zu den Folgen, wenn der Ölteppich auf die Strände und in die Marschen von Louisiana, Mississippi und Alabama schwappe.

Diese Zuspitzung hat die Tonlage verändert, mit der Medien und Politik auf das Unglück reagieren. Anfangs stand das Schicksal der Besatzung im Vordergrund. Von der 126 Arbeitern werden elf vermisst und gelten als tot. In den Folgetagen berichteten Zeitungen, zum Teil mit kaum verhüllter Faszination über die technischen Dimensionen der Schutzmaßnahmen: über ferngesteuerte Tiefseeroboter, die das Bohrloch in 1,7 Kilometer Tiefe abdichten sollen, sowie den alternativen Plan, eine „Kuppel“ über dem Bohrloch zu errichten, die das austretende Öl auffängt. Von dort sollte es durch Röhren zu Spezialschiffen geleitet werden, die das umweltschädliche Gemisch verarbeiten. Als dritte Option gelten Entlastungsbohrungen, um den Öldruck unter der Unglücksbohrstelle zu verringern und das Leck zu stoppen. Doch das kann mehrere Wochen dauern und käme zu spät, um die Küste vor einer Ölpest zu bewahren.

Nun fürchten die Behörden offenbar, es könne zu Szenen wie 1989 in Alaska kommen, nachdem der Tanker „Exxon Valdez“ auf ein Riff gelaufen war. Damals rüttelten Bilder von ölverklebten Seevögeln, toten Fischen in Massen und schlierig-schwarzen Stränden die Öffentlichkeit auf. Vor wenigen Tagen hofften selbst wirtschaftskritische Medien noch, diese Ölpest werde glimpflicher ausgehen. Da sich das Unglück fern der Küste ereignet habe, bleibe genug Zeit für Abwehrmaßnahmen. Doch Mary Landry, Admiralin der Küstenwache, warnt, der Ölteppich könne „einer der folgenreichsten in der Geschichte der USA“ werden.

Auch in der Politik kündigen sich Konsequenzen an. Vor einem Monat hatte Präsident Obama eine neue Energiestrategie verkündet. Um die Abhängigkeit der USA von Öl- und Gasimporten zu verringern, wollte er weitere Gebiete der Golf- und der Atlantikküste Amerikas für die Ölförderung öffnen. Nun verlangen Abgeordnete seiner Partei, den Kurs zu überprüfen. „Wir sehen, was auf einer Bohrinsel passieren kann, die als hochmodern gilt“, sagt Benjamin Cardin, der Maryland vertritt. „Die Risiken sind sehr hoch. Wenn die Regierung behauptet, sie könne unsere Strände verlässlich schützen, dann liegt sie falsch.“

Befürworter einer stärkeren heimischen Ölförderung widersprechen. Man solle keine übertriebenen Schlüsse aus einem einzelnen Unglück ziehen. Doch Innenminister Ken Salazar hat eine Untersuchung gegen BP, den Betreiber der Bohrinsel, eingeleitet. Die Debatte wird die Meinung der Bürger im Jahr der Kongresswahlen beeinflussen. Unterdessen kosten die Schutzmaßnahmen BP jeden Tag sechs Millionen Dollar. Unglücke verteuern auch das ökonomische Kalkül.

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