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Nach heftigen Regenfällen : Lage in Unwettergebieten entspannt sich leicht

Die Suche nach Vermissten in Niederbayern dauert an. Der Pegel der Seine in Paris erreicht höchsten Stand seit 35 Jahren.

Daniel Godeck
Im Ort Simbach am Inn starben vier Menschen.
Im Ort Simbach am Inn starben vier Menschen.Foto: Michaela Rehle/Reuters

Für rund 50 Schüler der Lenberger Grund- und Mittelschule in Triftern war es der längste Schultag ihres Lebens. So plötzlich und heftig waren sinnflutartige Regenfälle über den niederbayerischen Ort hereingebrochen, dass sie keine mehr Chance hatten, den Heimweg anzutreten. Die meisten Kinder konnten im Laufe der Nacht von ihren Eltern abgeholt werden, zehn Schüler aber mussten nach Informationen der „Passauer Neuen Presse“ mit Betreuern die ganze Nacht in der Schulturnhalle ausharren.

Noch immer wird ein älteres Ehepaar vermisst

Unterspülte Straßen, umgekippte Autowracks und brauner Matsch, wohin man schaut – es sind die gleichen Bilder, die dieser Tage von den verheerenden Unwettern in ganz Deutschland zeugen. Besonders heftig hat es am Mittwoch den Landkreis Rottal-Inn in Niederbayern getroffen, in dem auch der Markt Triftern liegt. Binnen kurzer Zeit hatte Starkregen sonst harmlose Bäche in reißende Flüsse verwandelt. Teilweise fielen in wenigen Stunden Regenmengen wie sonst in einem Monat. In den überfluteten Ortschaften mussten Bewohner mit Booten und Hubschraubern evakuiert werden. Vielerorts fiel der Strom aus. Bislang hat das Unwetter dort mindestens sechs Menschen das Leben gekostet. Der Landkreis hat Katastrophenalarm ausgelöst.

Am Mittwochabend fanden Taucher in einem Haus in Simbach am Inn die Leichen von drei Frauen, die alle einer Familie angehören. Im Nachbarort Julbach ist eine 80-jährige Frau tot in einem Bach gefunden worden. Ebenfalls in Simbach haben die Rettungskräfte am Donnerstag einen 75-Jährigen tot geborgen. Am Donnerstagabend sei in Simbach am Inn die Leiche eines 65-Jährigen gefunden worden, teilte die Polizei-Einsatzzentrale Niederbayern mit. Am Donnerstag kam es auch zu ersten Plünderungen.

Neben den Aufräumarbeiten in der Region geht im Ort Simbach die Suche nach einem vermissten älteren Ehepaar weiter - bislang ohne Erfolg. Hier fürchtet die Polizei ebenfalls, dass jede Hilfe zu spät kommen könnte.

Im Pariser Louvre mussten Kunstwerke in Sicherheit gebracht werden

Auch Frankreich ist von Unwettern betroffen: Kunstwerke im weltberühmten Pariser Louvre müssen vor dem Hochwasser der Seine in Sicherheit gebracht werden. Dafür bleibt das Museum am Freitag geschlossen, wie die Direktion ankündigte. Zudem sei ein Krisenstab eingerichtet worden. Kunstwerke sollen in höher gelegene Stockwerke der ehemaligen Residenz französischer Könige gebracht werden.

Am Freitagmorgen ist der Pegelstand der Seine auf den höchsten Wert seit fast 35 Jahren gestiegen: Nach Angaben der Behörden lag er bei 5,5 Metern, im Laufe des Tages könnte er sogar auf 6,20 Meter ansteigen. Wegen Überschwemmungen sind viele Uferstraßen gesperrt, auch der Schiffsverkehr auf der Seine wurde eingestellt.

Leichte Entspannung in Nordrhein-Westfalen: Hier drohte am Donnerstag der kleine Fluss Issel über die Ufer zu treten und einen Teil des Stadtkerns von Isselburg zu überfluten. Hunderte Helfer konnten die Nacht über aber mit Sandsäcken die Dämme stabilisieren. Inzwischen sinkt der Pegelstand der Issel. Die Überflutung von Isselburg und dem benachbarten Hamminkeln konnte so verhindert werden - vorerst zumindest. Denn der Deutsche Wetterdienst warnt weiter vor Unwettern, insbesondere im Süden Nordrhein-Westfalens kann es bis in die Nacht zum Samstag weiter kräftige Niederschläge geben.

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Mindestens fünf Tote bei Hochwasser in Bayern
Mindestens fünf Tote bei Hochwasser in Bayern

Auch in Rheinland-Pfalz mussten nach heftigem Regen Keller ausgepumpt werden. In Altenahr (Kreis Ahrweiler) rettete die Polizei zahlreiche Camper mit dem Hubschrauber - teils von den Dächern ihrer Wohnwagen - nachdem die Ahr über die Ufer getreten und die Zeltplätze geflutet hatte. In Müsch holten Feuerwehrleute zwei Männer vom Dach ihres Lastwagens, der im tiefen Wasser auf einer Straße nicht weiterkam.
Ähnlich wie bei den Unwettern drei Tage zuvor in Baden-Württemberg, bei dem vier Menschen ums Leben kamen, sind auch die Menschen in Niederbayern von dem heftigen Starkregen überrascht worden. Obwohl der Deutsche Wetterdienst vor Unwettern in der Gegend gewarnt hatte, kam das Hochwasser für die Menschen aus heiterem Himmel.

„Innerhalb von wenigen Minuten ist in einigen Gebieten der Wasserstand um mehrere Meter angestiegen“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann beim Besuch im Hochwassergebiet. Anwohner und Einsatzkräfte seien davon völlig überrascht worden, sagte der CSU-Politiker.

Meteorologe: "Die Vorhersage ist sehr schwierig"

Schon nach dem extremen Unwetter am Sonntag war Kritik aufgekommen, dass die Meteorologen nicht präziser vor den starken Regenfällen gewarnt haben. Der ehemalige Wettermoderator Jörg Kachelmann gab den ARD-Anstalten gar eine Mitschuld am Tod der Unwetteropfer. Ein berechtigter Vorwurf?

Tatsächlich ist es für Meteorologen kaum möglich, auf den Punkt genau Unwetter und deren Heftigkeit zu prognostizieren. „Die Vorhersage ist sehr schwierig“, sagte Uwe Ulbrich, Meteorologie-Professor an der Freien Universität Berlin dem Tagesspiegel. „Das Problem ist, dass diese Unwetter sehr lokal auftreten.“ Die technischen Mittel seien für eine genaue Vorhersage nicht ausreichend. Die einzige Möglichkeit sieht Ulbrich darin, sich das aktuelle Radarbild anzusehen. „Damit kann ich ziemlich genau sagen, ob das Unwetter eintritt oder nicht.“ Der Wissenschaftler vergleicht das mit einer Fahrradtour, auf der man die dunklen Gewitterwolken herannahen sieht, „Da weiß ich, ob ich mich besser unterstelle oder das Naturspektakel vorbeizieht.“

Diese Methode hat aber seine Grenzen: Zum einen ist die Vorhersage nur auf einen lokalen Radius beschränkt, zum anderen kann so nur kurzfristig gewarnt werden. Entscheidend sei, ob es sich um schon bestehende oder um neu gebildete Gewitterwolken handelt, sagt Ulbrich. Bei Letzteren sei sogar mit dem Radar keine verlässliche Prognose möglich.
Auch 2013 hatte es im Südosten Bayerns eine Flutkatastrophe gegeben, auch damals kamen die Unwetter im Frühsommer. Ist das ein Zufall? Jein, sagt der Meteorologie-Professor Ulbrich. „Die Nähe zum Gebirge erfüllt zumindest einen Effekt, der extreme Niederschläge begünstigt: Die Luft kann dort nach oben steigen.“

Zugleich räumt er aber ein, dass das allein noch lange kein Unwetter mache. „Solche extremen Regenfälle wie jetzt entstehen häufig in Kombination von hoher Luftfeuchtigkeit, hohen Temperaturen und mehreren Tiefdruckgebieten, die momentan über uns liegen.“ Bis auf Weiteres wird sich an der Wetterlage mit der feuchtwarmen Luft auch nicht viel ändern. Noch bis zum Wochenanfang rechnen Meteorologen mit weiteren Unwettern, besonders in Tälern.

Merkel drückt Betroffenen ihr Mitgefühl aus

Nach ersten Schätzungen beläuft sich die Sachschaden im gesamten Landkreis Rottal-Inn auf einen dreistelligen Millionenbereich. Hunderte Häuser sind beschädigt. Die bayerische Staatsregierung hat den Betroffenen derweil Soforthilfe versprochen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel(CDU) hat den Menschen in der Hochwasserregion ihr Mitgefühl ausgedrückt: „Wir trauern um die Menschen, für die die Hilfe zu spät kam.“ (mit dpa)

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