Nach Hurrikan "Sandy" : New-York-Marathon abgesagt

Lange Schlangen, Aggressivität, aber auch nachbarschaftliche Hilfe – New York ringt um Normalität. Der Marathon wird allerdings nicht wie geplant am Sonntag stattfinden.

Erst hieß es, dass der Marathon trotz der Zerstörung durch den Wirbelsturm wie geplant stattfinden soll. Dafür hagelte es Kritik.
Erst hieß es, dass der Marathon trotz der Zerstörung durch den Wirbelsturm wie geplant stattfinden soll. Dafür hagelte es Kritik.Foto: dapd

Die Stadt habe das Rennen mit 47 000 Teilnehmern nach Aussage von Bürgermeister Michael Bloomberg abgesagt. Hintergrund ist die anhaltende Kritik von Opfern des Megasturms „Sandy“ und anderen Bewohnern der Stadt. Angesichts der Verwüstungen und der noch nicht abgeschlossenen Suche nach Toten sei es unsensibel und würde Einsatzkräfte von wichtigeren Aufgaben abhalten, hatten Kritiker argumentiert. Bloomberg hatte seine Entscheidung zuvor noch auf einer Pressekonferenz mit dem Argument verteidigt, der Marathon werde benötigtes Geld in die Stadtkasse bringen und moralischen Auftrieb geben.

An der US-Ostküste ist die Zahl der Todesopfer durch Hurrikan „Sandy“ auf 98 gestiegen. 40 Leichen wurden in New York geborgen. Bei den Bürgern machte sich Ärger über die in einigen Orten nur langsam anlaufende Hilfe für Betroffene breit. Rund 4,5 Millionen Haushalte in 15 US-Bundesstaaten waren am Freitag noch ohne Elektrizität. Es wurde davon ausgegangen, dass es in einigen Gegenden noch länger als eine Woche dauern könnte, bis der Strom wieder fließt. Auch bei der Benzinversorgung gab es weiter Engpässe.

Allein im New Yorker Stadtteil Staten Island, der am Montag schutzlos von einer Flutwelle überrollt worden war, kamen 20 Menschen ums Leben. Darunter waren zwei Kinder im Alter von zwei und vier Jahren, die ihrer Mutter durch die Wassermassen aus den Armen gerissen worden waren. Dort sind Klagen von Einwohnern laut geworden, der gegenüber Manhattan liegende Bezirk sei von der Politik vergessen worden. Bilder aufgebrachter Bürger könnten kurz vor den Wahlen am Dienstag die Pläne der Politiker durchkreuzen. Dann stimmen die Amerikaner nicht nur über einen Präsidenten, sondern auch über kommunale Vertretungen ab.

Die US-Ostküste nach Supersturm "Sandy"
Nach Hurrikan "Sandy" kommt die Kälte. Sturmopfer versorgen sich in einem Hilfscenter mit dem Nötigsten.Weitere Bilder anzeigen
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03.11.2012 21:49Nach Hurrikan "Sandy" kommt die Kälte. Sturmopfer versorgen sich in einem Hilfscenter mit dem Nötigsten.

In den weiterhin von der Stromversorgung abgeschnittenen Vierteln New Yorks wurde zudem eine fehlende Polizeipräsenz kritisiert. Einwohner äußerten sich besorgt über die Sicherheit auf den Straßen und in den U-Bahnen. Auf den Straßen Manhattans patrouillierten Mitglieder der Guardian Angels, einer Freiwilligentruppe, die sich den Kampf gegen die Kriminalität zum Ziel gesetzt hat.

An den Tankstellen in New York, New Jersey und Connecticut bildeten sich bereits in den frühen Morgenstunden lange Schlangen. Vielerorts waren Polizisten im Einsatz, um Streit zwischen Autofahrern zu schlichten. Im New Yorker Stadtteil Queens bedrohte ein Mann einen anderen mit einem Gewehr, weil dieser sich beim Tanken vordrängeln wollte. In Fairfield, New Jersey, mussten die Menschen mehr als drei Stunden beim Tanken anstehen. „Dies ist eine apokalyptische Situation – wie weit sollen wir denn zum Tanken fahren? Nach Tennessee?“, fragte einer der Wartenden.

Trotz vereinzelter Aggressivität: die New Yorker sind aufeinander angewiesen und lassen sich viel einfallen, um der Lage zu trotzen. Jordan Elpern-Waxman, dessen Appartement in der Lower East Side ohne Strom, Heizung und Wasser ist, zog zu einer Bekannten in Brooklyn. Auch in den Vierteln von Manhattan, in denen der Sturm weniger wütete, wurden allerorten Sturmopfer untergebracht. „Upper Manhattan ist wie ein Flüchtlingslager“, sagt Elpern-Waxman. Angie Dykshorn hat keinen Strom in ihrer Wohnung im East Village. Ihr Mobiltelefon hat die 36-jährige Fotografin daher an der Straße aufgeladen – an einer behelfsmäßigen, fahrradbetriebenen Ladestation. Auch Banken oder Supermärkte erlauben es Bedürftigen, Strom abzuzapfen.

Einige Sporthallen bieten kostenloses Duschen an, während einzelne Restaurants gratis Essen verteilen. Fahrradkuriere haben sich für ehrenamtliche Hilfslieferungen zusammengeschlossen. Für Selbstständige vermittelt Charlie O'Donnell über Twitter Büroplätze in Unternehmen, die Strom haben. Er kontaktiert Firmen, mit denen er beruflich zu tun hatte, und fragt nach freien Tischen.(Reuters/AFP)

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