• Nach sieben Monaten Angst und Hoffnung findet ein Spaziergänger den Leichnam des Mädchens

Welt : Nach sieben Monaten Angst und Hoffnung findet ein Spaziergänger den Leichnam des Mädchens

Peter Stopfer

Nach sieben Monaten zwischen Angst und Hoffnung herrscht für Gabriele und Richard Bohnacker aus Ranstadt in Hessen Gewissheit: Ihre Tochter Johanna ist ermordet worden. "Sieben Monate sind wir durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen und haben die Hoffnung nie aufgegeben", erzählt die Mutter am Sonntag. Am Abend zuvor war die Kriminalpolizei erschienen und hatte Fotos von Kleidungsstücken mitgebracht. Die Eltern identifizierten Hose und Hemd als die ihrer lange vermissten achtjährigen Tochter.

Der Ort ist wie gelähmt

Der 550 Einwohner zählende Ort Bobenhausen in der Wetterau nördlich von Frankfurt wirkt an diesem Sonntag wie gelähmt. "Die Gemeinde hat sehr großes Mitgefühl gezeigt", berichtet Pfarrerin Regine Jünger. Das Geschehene habe den Ort auch verändert. "Viele sind schockiert und begreifen, dass die heile Welt weg ist", kommentiert Jünger. In der Dorfkneipe reden sich die Menschen die schreckliche Gewissheit von der Seele. "Jetzt kommt alles wieder hoch", sagt eine Frau. Ein Mann gesteht, er fühle so sehr mit der Familie, dass er manchmal alleine geweint habe.

Die Eltern geben sich tapfer und beantworten bereitwillig die Fragen von Journalisten. In den vergangenen Monaten hätten sie stets gehofft, ein Lebenszeichen von der vermissten Tochter zu bekommen, meint die Mutter. "Man gibt kein Kind auf", sagt sie. Selbst als die Polizei am 1. April angerufen und gesagt habe, es sei das Schlimmste zu befürchten, "hatte ich die Hoffnung, dass es ein Aprilscherz ist", sagt Gaby Bohnacker.

Karl-Heinz Leß von der Sonderkommission "Johanna" war mit Fotos von Kleidungsstücken, die neben einer Kinderleiche bei Alsfeld gefunden wurden, zu den Eltern gefahren. "Seit gestern bin ich 30 Jahre bei der Kripo, das war einer der schlimmsten Tage" erzählt er. Johannas Mutter berichtet, die knappe Stunde bis zum Eintreffen der Polizei sei sie "in der Wohnung herumgeirrt wie ein Tiger".

Demnächst wollen die Eltern zum Fundort der toten Tochter fahren. Das Kind wollen sie nicht mehr sehen, sondern "in Erinnerung behalten, wie es war". Der Vater spricht wenig. Er hat tiefe Ränder unter den Augen und zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. Er appelliert an die Polizei, weiter nach dem Täter zu suchen. "Ich will diesen Menschen sehen - ich will dass er nicht mehr frei herumläuft."

Die Leiche des Mädchens lag - vermutlich von Wildschweinen zerstückelt - etwa 80 bis 100 Meter neben der mittelhessischen Autobahnraststätte Berfa bei Alsfeld rund 100 Kilometer von ihrem Heimatort Ranstadt-Bobenhausen entfernt. Letzte Gewissheit über die Identität des Leichnams soll eine DNA-Analyse bringen.

Ein Spaziergänger hat nach Angaben der Polizei den skelettierten Kopf und Kleidungsreste entdeckt und am Sonnabendnachmittag die Polizei alarmiert, hieß es. Etwa 50 Beamte durchsuchten den Wald im Umkreis von 100 Metern am Sonntag noch immer nach weiteren Spuren. Am Nachmittag wurden Leichenspürhunde aus Nordrhein-Westfalen erwartet, die Polizei rechnete aber damit, nur noch Knochen zu finden.

Vom Spielen nicht zurückgekehrt

Johanna wurde seit dem 2. September 1999 vermisst. Sie war seinerzeit vom Spielen nicht mehr nach Hause gekommen. In der Nähe des örtlichen Sportplatzes fanden die Eltern noch am gleichen Abend das Fahrrad ihrer Tochter. Eine Frau wollte beobachtet haben, wie das Mädchen mit einer unbekannten Frau weggegangen sei. Intensiv suchte die Polizei nach einem dunkelbraunen VW-Jetta mit dem Kennzeichen "HG" für Hochtaunuskreis. Doch auch die Überprüfung von 500 Wagen dieser Baureihe erbrachte kein Ergebnis. Die Suche mit Hunderten freiwilliger Helfer sowie Einsatzkräften von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdiensten dauerte damals mehrere Tage. Durchkämmt wurden Wälder mit dichtem Unterholz ebenso wie leer stehende Häuser und das Kanalsystem der Wetteraugemeinde, Polizeitaucher suchten auch in Teichen nach dem Kind. Eine Sonderkommission koordinierte die Ermittlungen und fragte auch viele Bürger nach möglichen Beobachtungen. Für Hinweise setzte die Gießener Staatsanwaltschaft eine Belohnung in Höhe von 10 000 Mark aus.

Nachdem der Fall Anfang Oktober Gegenstand einer Suchmeldung in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY" war, gab es etwa 30 Hinweise. In ihrer Verzweiflung riefen die Eltern von Johanna Mitte Oktober 1999 zum Spenden auf ein Sonderkonto auf, um die mögliche Belohnung für einen Hinweisgeber deutlich aufstocken zu können. Auch baten sie mit Plakaten die Bevölkerung um Mithilfe. Insgesamt gab es nach Darstellung der Polizei mehr als 1000 Hinweise sowie 2000 Vernehmungen und Befragungen, ohne dass sich dabei eine heiße Spur ergeben hätte.

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