Welt : Nach uns die Sing-Flut

Die No Angels sind die erfolgreichste deutsche Mädchenband. Jetzt wollen sie sich trennen

Esther Kogelboom

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Esther Kogelboom

Sie haben keine Kraft mehr, Vanessa Petruo halfen zum Schluss auch keine Infusionen mehr. Die No Angels sind am Ende. Als „Burn-Out-Syndrom“ würden Psychologen wohl die Summe der Symptome bezeichnen, von denen die fünf Frauen der „Bild am Sonntag“ („BamS“) erzählten: Geist und Körper hätten gestreikt, Schlafentzug, daraus resultierende Dünnhäutigkeit, Hysterie, Allergie, Unfähigkeit zum Abschalten. Bereits vor einem Jahr war Petruo bei einem Auftritt in Hannover zusammengebrochen, von einem Schwächeanfall war damals die Rede. Die No Angels sind am Ende des Tages psychisch zumindest angeschlagen. Jetzt wollen sie sich laut „BamS“ trennen.

Unter Tage

Gut dreieinhalb Jahre lang waren die No Angels die Grubenarbeiterinnen unter den deutschen Popstars. Man könnte auch sagen: Die fünf haben geackert wie die Bekloppten, das Tageslicht nach dem ersten Hit „Daylight in your eyes“ selten gesehen. Drei Alben haben sie aufgenommen. Dazwischen Promo-Reisen, Konzerte, Videoclip-Drehs, unzählige Fernsehauftritte. Nur für wenig waren sie sich zu schade. Die Fans haben den No Angels ihren unermüdlichen Einsatz an der Basis gedankt. Die erste LP „Elle’ments“ verkaufte sich 1,1 Millionen Mal. Auch die Nachfolger „Pure“ und „Now…Us!“ schossen ganz nach oben. Unterm Strich brachten Vanessa Petruo und die anderen fünf Millionen Tonträger an den Mann. Damit waren die No Angels die besten „Popstars“. In keinem anderen „Popstars“-Land war das jeweils zusammengecastete Endprodukt auch nur annähernd kommerziell so erfolgreich wie in Deutschland. Und natürlich waren sie die deutschen Spice Girls – die bisher wichtigste Girlgroup in einem Land, das zuvor im Prinzip nur Tic Tac Toe gesehen hatte. Und die No Angels kamen auch ohne „Ich find’ dich scheiße“ klar, weil sie ja auf Englisch sangen. Dabei wollte unmittelbar nach der allerersten Casting-Show, mal abgesehen vom Tanzlehrer-Faktotum Detlev Soest, niemand so recht glauben, dass es die Band wirklich schaffen kann. Beschimpft wurden sie auch wegen ihrer „Künstlichkeit“, vornehmlich von so genannten „echten“ Künstlern, die sich ganz lange durchschlagen mussten und lange Zeit erfolglos waren.

Es ist, als hätten die No Angels ein für allemal und schon im Voraus das eingelöst, was die „Superstars“ versprechen. Nach ihnen kam die Sing-Flut. Mittlerweile schaffen es nur noch Insider, zwischen den verschiedenen Staffeln von „Fame Academy“, „Star Search“, „Deutschland sucht den Superstar“ und „Popstars“ zu unterscheiden. Die Spannung ist raus, und die No Angels sind für immer das Original. Doch es bleiben ein paar ungeklärte Fragen: Was waren die No Angels, wenn sie keine „Angels“ waren? Ob die Auszeit in einem Zusammenhang steht mit dem Start der neuen „Popstars“-Runde? Soll ganz einfach Platz gemacht werden für neue „Popstars“? Kann die Casting-Fabrik wirklich so böse sein?

Dagegen spricht, dass das Managment der Band eine Herbsttournee angekündigt hat, deren Vorverkauf bereits gut anlief. Jetzt müssen die Fans ihre Eintrittskarten womöglich zu den Vorverkaufsstellen zurückbringen. Ein letztes Extrakonzert haben die No Angels aber fest versprochen. Vielleicht ist dann auch Jessica Wahls dabei. „Jess“ war bereits letztes Jahr wegen Schwangerschaft ausgestiegen und bastelt inzwischen an einer eigenen Karriere herum. Doch auch als Quartett verloren die No Angels nicht an Popularität. Deutschland hielt ihnen die Treue, weil sie der unumstößliche und vor allem erste Beweis dafür zu sein schienen, dass es jedes talentierte und sympathische Mädchen in unserem Land schaffen kann, berühmt zu werden. Hunderttausende junge weibliche Fans setzten eine Massenhysterie frei und schleuderten sie den No Angels ungefitert entgegen. Womöglich war es gerade die große Öffentlichkeit, die Lucy, Sandy, Vanessa und Nadja schließlich das Genick angeknackst hat. Vom Druck, den die Plattenfirma Polydor und RTL2 auf die Frauen ausgeübt haben muss, ganz zu schweigen. Immer wieder war in der Vergangenheit von „Knebelverträgen“ ohne Mitbestimmungsrecht die Rede. Das heißt, die Konzerne bestimmten größtenteils die Musik, und nicht – wie es „früher“ einmal war, die Künstlerinnen. Nein, ausruhen konnten sie sich nicht. Auch nicht überprüfen, ob das eigentlich noch sie sind, die da auf der Bühne stehen, einen Fernsehbeitrag verschönern und ein Interview geben. Oder ob das schon ganz jemand anderes ist, der eigentlich etwas ganz anderes will. Die No Angels sind eben keine organisch gewachsene Band, die sich auch einmal Tiefschläge, Ausfälle und schlechte Quoten erlauben kann, sondern eine Art genmanipulierte Formation, die programmiert war, sich permanent mit möglichst wenig Schlaf auf einem konstant hohen Erfolgsniveau zu halten. „Früher“ hat man in dem Gewerbe noch Nächte versoffen. Die No Angels machen Werbung für „Vittel“. Der Output stimmte. Geld abgeworfen hat die Band reichlich.

Nachdem der Auftritt bei „The Dome“ vorbei war, sind „Tränen geflossen“, heißt es in der „BamS“. Kann sein, dass es zur Hälfte Freudentränen waren. Denn die No Angels könnten jetzt endlich das tun, wovon sie angeblich schon seit Monaten träumen: einfach mal zu Hause bleiben und abwarten, was so passiert. Normal sein. Die Managerin Regina Weber hat die endgültige Trennung der Band dementiert. Der Bericht der „BamS“ sei übertrieben, sagte sie einem Radiosender. Kein Wunder: Wenn die No Angels ihre Trennung wirklich in Auszeit-Seidenpapier verpackt haben sollten, so dürfte das die erste eigene Entscheidung seit langer Zeit gewesen sein.

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