Welt : Nachrichten eines "Scheintoten"

GERD NOWAKOWSKI

"Solange ich nicht seine Stimme höre oder er vor mir steht, glaube ich das nicht", sagt Carola Wagemann.Über zwanzig Jahre hatte die Berliner Lehrerin engsten Kontakt mit dem notorischen Eierwerfer Dieter Kunzelmannn.In ihrer Wohnung war der Gründer der Kommune 1, Ex-Maoist, ehemalige Berliner Abgeordnete und ewige Querulant bis zu seinem Verschwinden polizeilich gemeldet.Ausgerechnet an ihrem Geburtstag am 1.April 1998 durfte sie in der "Berliner Zeitung" seine Todesanzeige lesen: "Nicht nur über sein Leben, auch über seinen Tod hat er frei bestimmt, Dieter Kunzelmann, 1939 - 1998".Wie die Nachricht sie damals "umgehauen" hat, wie sie sagt, und sie nur noch geheult habe, ist immer noch zu spüren.Sie hat an den Tod von Dieter Kunzelmann geglaubt.In der Skepsis, mit der sie nun auf die Nachricht des "Stern" reagiert, der selbsternannte "Aktionspolitologe" sei am Leben und wohlauf, schwingt auch ein wenig Selbstschutz mit.

Die handschriftliche Mitteilung von Kunzelmann sei "authentisch", teilt der "Stern" in seiner heute erscheinenden Ausgabe mit.Sein derzeitiger Zustand, so schreibe der subversive Überzeugungstäter, sei "scheintot".Im Frühjahr werde er wieder auftauchen.

Die Autorin des kurzen Berichts, Edith Kohn, will sich nicht dazu äußern, ob sie Kunzelmann gesprochen oder getroffen hat.Auch Belege für die Echtheit des angeblichen Kunzelmann-Schreibens gibt es nicht von bei der Hamburger Illustrierten.Die "engsten Vertrauten" kannten seinen "wahren Aufenthaltsort", will der "Stern" dafür wissen.

Wer zu diesem Kreis gehört, bleibt im Dunkeln.Auch Michael Stein, der vor einem Jahr die Todesanzeige zur "Berliner Zeitung" trug, gehört jedenfalls nicht dazu.Ihm hatte der als Abgeordnete der Alternativen Liste bienenfleißige und wortgewaltige Kunzelmann die Todesanzeige per Post zur Weiterleitung zugeschickt.Geglaubt habe er anfangs nicht an den Freitod des eitlen Selbstdarstellers, der auch nach dreißig Jahren in Berlin nichts von seinem knarzenden fränkischen Tonfall verloren hatte.

Zugetraut haben es ihm die wenigsten Bekannten, daß Kunzelmann still und heimlich, ohne einen großen Paukenschlag abtreten könnte.Freilich war der persönlich extrem schwierige Politclown, der seit Jahren einen besessenen Kleinkrieg gegen den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen kämpfte, in den letzten Jahren immer einsamer geworden.Kurz vor seinem Verschwinden Ende 1997 haben ihn Freunde als schwer depressiv erlebt.Zudem drohte ihm eine mehrmonatige Haftstrafe wegen mehrerer Eierwürfe auf Diepgen.

Dieter Kunzelmann ist tot, das erschien auch Michael Stein in den letzten Monaten plausibel - mochte auch Kunzelmanns schrumpfende Fangemeinde zuweilen anderes raunen.So wurde unter anderem spekuliert, der Verschwundene werde bei der Vorstellung der von ihm verfassten Biographie "Leisten sie keinen Widerstand" im Herbst 1998 erscheinen - Fehlanzeige.

Auch der Kabarettist Wiglaf Droste, in dessen Wohnung Kunzelmann häufig zu Gast war, hat von dem Verschwundenen keinerlei Lebenszeichen."Zuzutrauen ist ihm alles", sagt Droste zugleich.In der Tat gibt es einige Hinweise, die auf ein Leben nach dem inszenierten Ableben hinweisen könnten.So erhielt der Ex-Kommunarde zum Jahresende 1997 von einem Freund Geld für eine neue Identität und falsche Papiere.Seiner in Berlin lebenden Tochter, mit der Kunzelmann wenig Kontakt hatte, ließ er eine Wiener Deckadresse zukommen.In der Österreichischen Metropole aber endet die Spur.Andere Hinweise auf den Verschwundenen führten nach Schweden und Dänemark.Dort tauchte Kunzelmann Ende 1997 in Künstlerkreisen als Italiener mit dem Namen Tombarolo auf.Seinem Berliner Verleger gegenüber deutete er außerdem eine Reise nach Island an.

Beim für gefälschte Tagebücher anfälligen "Stern" verteidigt Autorin Kohn die Geheimniskrämerei: "Wir haben unsere Gründe".Langjährige Freunde aber halten es selbst für möglich, daß der pedantische Politprovokateur Kunzelmann über Mittelsmänner die Notiz mit Zeitverzögerung dem "Stern" zukommen ließ.Dem Mann, der sein Leben als aktionistisches Kunstwerk inszenierte, trauen Freunde auch diese publizistische "Zeitzünderbombe" zu.Als Beweis seiner "Auferstehung" läßt deshalb Detlef K.nur eines gelten: ein Foto des heute sechzigjährigen Anarchisten mit einer aktuellen Zeitung in der Hand.

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