Nachruf : Karl Malden - die Nase von Hollywood

Er ist aus der Filmgeschichte nicht wegzudenken. Karl Malden war einer der großen Nebendarsteller in der Traumfabrik Hollywood. Am 1. Juli starb das Ausnahmetalent in Kalifornien. Mit ungefähr 97 Jahren. So genau weiß das niemand.

Helmut Merker
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So kennt ihn die Welt. Karl Malden (links) mit dem jungen Michael Douglas in „Die Straßen von San Francisco“. Foto: Cinetext

BerlinAls Sportler war er nicht der filigrane Techniker oder der große Stratege, als Schauspieler nicht der charmante Liebhaber oder der jugendliche Held, aber in allen Rollen zeigte sein Gesicht, wie er an seine Aufgaben heranging: immer mit höchstem Einsatz.

Karl Mladen Sekulovich erblickt als Sohn jugoslawischer Immigranten die graue Welt in Gray, Indiana – am 22. März, und die Jahresangaben schwanken zwischen 1912 und 1914. Im Kindergarten erst lernt er englisch, im Basketballteam seiner Schule bricht er sich zweimal die Nase und trainiert sich die nötige Härte an, die er später als Metallarbeiter gebrauchen kann. Baseball, Basketball, Football sind seine Leidenschaften; beim Studium an einer Lehrerhochschule macht ihm nur der praktische Sport Spaß, die Vorlesungen schwänzt er und gibt das Ganze schließlich auf, um als junger Arbeiter in einem Stahlwerk in Chicago anzuheuern. Als er jedoch eines Tages beim Bau von Theaterkulissen hilft, packt ihn das Bühnenfieber.

Mitten in der Depression zieht er los, nach der Ausbildung an der Goodman Theatre Dramatic School in Chicago, die er sich als Basketballprofi verdient, erreicht er den Broadway in New York; ein paar Monate Actors Studio und dann sein Debüt am 4. November 1937 am Belasco Theatre in dem Stück „Golden Boy“. Die zerbeulte Knubbelnase, der stahlharte Blick, die einschüchternde Erscheinung: daran war nichts zu ändern, bloß den Namen konnte er etwas gefälliger gestalten: Karl Malden. „Ich wusste, dass ich kein Hauptdarsteller bin – mit dem Gesicht“; aber in Nebenrollen brilliert er mit seinem Charakterkopf. Und als Freund und Kollege gewinnt er schnell die Achtung von Richard Widmark, Marlon Brando und James Cagney.

Sein Kinodebüt gibt Karl Malden 1940 als ein besonders lauter Gast beim Polterabend in „They Knew What They Want“ mit Carole Lombard und Charles Laughton; das ist eine Komödie, aber gleich danach findet er in die Genres, die ihm angemessen sind: zum Weltkriegsfilm („Winged Victory“, von George Cukor) zum düsteren Thriller („Der Todeskuss“ von Henry Hathaway), zum Western („Der Scharfschütze“ von Henry King).

Entscheidend für seine Karriere wurde Elia Kazan, der ihn in dem Tennessee- Williams-Stück „Endstation Sehnsucht“ einsetzt, zunächst am Broadway, dann in der Verfilmung. Für die Rolle des schlichten Junggesellen Mitch, an den sich Blanche (Vivien Leigh) vergeblich klammert, um von Stanley Kowalski (Marlon Brando) loszukommen, erhielt Karl Malden 1952 den Oscar für die beste Nebenrolle. Eine weitere Nominierung brachte ihm seine Rolle in „Die Faust im Nacken“ ein, wo er als Pater Barry den rebellischen Marlon Brando von allzu unbesonnenen Aktion zurückhalten will. Und dann „Der Besessene“: Brando als Regisseur setzt Malden als sadistischen Sheriff ein, und Brando als Hauptdarsteller lässt sich von Malden brutal auspeitschen – beide genießen das offensichtlich. Gegensatz und Ergänzung zu dieser sadistischen Rolle ist dann Karl Maldens Figur in „Baby Doll“, damals, 1956, ein „Skandalfilm“, wieder von Elia Kazan, in dem er, als Ehemann, in einer Hauptrolle, durch die skurrile Südstaatenhölle einer dreitägigen Wartezeit durchmuss, bis seine Frau Carroll Baker endlich 20 wird und aus dem Kinderbett heraus- und ins Ehebett hineinkommt.

Karl Malden fordert und bekommt immer Respekt, ob als Schurke, ob als Patriarch, er kann sehr streng und sehr böse sein; er ist der hartnäckige Schnüffler, der schikanöse Schleifer, der autoritäre Vorgesetzte. In John Fords letztem Western „Cheyenne“ ist er der unbelehrbare Kommandant, der jede friedliche Einigung mit den Indianern hintertreibt, in Henry Hathaways „Nevada Smith“ ist er einer der Killer, die die Eltern von Steve McQueen ermorden; dafür schießt ihm der Sohn die Beine kaputt. Als „Die Straßen von San Francisco“ sein Fernsehrevier wurden, steigerte er seine Popularität weltweit und zeigte als Detektive Lieutenant Mike Stone sein freundlicheres Gesicht. Vor allem das ist allen im Gedächtnis, die sich an ihn erinnern. An seiner Seite, in den frühen Jahren der Serie 1972–1977, stieg auch Michael Douglas als Inspektor Steve Heller zum Star auf; 1992 stand Karl Malden dann noch einmal in dem Spielfilm „Zurück auf die Straßen von San Francisco“ vor der Kamera und hatte dort den Mord an seinem Ex-Kollegen Heller aufzuklären.

Ein erfülltes Leben, Karl Malden, eine Respektsperson: 2004 erhielt er den Screen Actors Guild Life Achievement Award für sein Lebenswerk, ihm zu Ehren ist ein Stern auf dem Hollywood Walk of Fame am Hollywood Boulevard eingelassen; und 1989–1993 war er der gewählte Präsident des Oscar-Akademie in Los Angeles. Seit 1938 war er mit seiner Schauspielkollegin Mona Greenberg verheiratet. Am 1. Juli ist Karl Malden im kalifornischen Brentwood gestorben.

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