Nachterstedt : Die Heimat verloren

Nach der Katastrophe von Nachterstedt steht jetzt fest: 41 Menschen können nie mehr in ihre Häuser zurück.

Mathias Kasuptke[Nachterstedt]
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Aufgegeben. In diese Häuser am Rande der Unglücksstelle in Nachterstedt wird niemand mehr einziehen können. Foto: ddpddp

Am fünften Tag nach dem Erdrutsch bei Nachterstedt laufen die Hilfsmaßnahmen für die von der Katastrophe Betroffenen auf vollen Touren. In einem Kontaktbüro der Lausitzer-Mitteldeutschen- Bergbauverwaltung (LMBV) erhalten sie zunächst ein finanzielle Soforthilfe. Außerdem wurde bereits mit der Ermittlung der Entschädigungssumme begonnen. Die Ursache des Unglücks bleibt hingegen nach wie vor ein Rätsel.

Mittlerweile steht fest, dass die zehn betroffenen Häuser aufgegeben werden müssen. Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Reiner Haseloff schließt aus, dass die 41 Menschen je wieder in ihre Häuser zurückkehren können. Die 13 Gebäude dieser Siedlung stehen alle auf der einstigen Abraumhalde, die Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt wurde und am frühen Samstagmorgen weggebrochen war.

Der Minister befürwortet den Wiederaufbau der Siedlung an einer anderen Stelle. „Das wäre eine Möglichkeit, wenn sie gewünscht wird“, sagte Haseloff. Lange Übergangslösungen sollten für die Bewohner vermieden werden.

Für die drei Vermissten des Unglücks wird am Freitag in Nachterstedt eine Trauerfeier stattfinden. Nach Auskunft von Landrat Ulrich Gerstner werden die 50- und 51-jährigen Männer und die 48-jährige Frau erst nach einem Jahr für tot erklärt. So sieht es das Vermisstengesetz vor. Die Situation vor Ort hatte sich am Mittwoch erneut verschärft. Mittlerweile sind mehr als 30 Meter hinter der Abbruchkante tiefe Risse im Boden entdeckt worden.

In Nachterstedt sind zahlreiche Hilfsaktionen angelaufen. Supermärkte spenden Einkaufsgutscheine, Firmen stellen Bargeld zur Verfügung. Eine zunächst aus einer privaten Initiative heraus gestartete Spendenaktion (Konto 3063002150, Bankleitzahl 80055500, Katastrophengebiet Nachterstedt) wird mittlerweile von offizieller Seite unterstützt. Die LMBV betont unterdessen, alle Anstrengungen unternehmen zu wollen, um zunächst den Betroffenen unbürokratisch und schnell Hilfe zu gewährleisten. „Wir wissen, dass es im Moment viele Fragen gibt. Diesen Fragen stellen wir uns, aber die Ursachen für das furchtbare Ereignis sind noch nicht bekannt“, erklärte der Vorsitzende der Geschäftsführung Mahmut Kuyumcu. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer kündigte eine Überprüfung aller mitteldeutschen Tagebauseen an. Er warnte vor vorschnellen Schuldzuweisungen und widersprach Vorwürfen, dass das Unglück vorhersehbar gewesen sei.

Die LMBV ist an allen Standorten in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen für die Braunkohlesanierung verantwortlich. Nach LMBV-Angaben gebe es keine Erkenntnisse, dass an anderen Orten derartige Gefährdungen vorliegen. Mit der deutschen Einheit und der Neuordnung der Energiewirtschaft im Osten Deutschlands wurden vier Fünftel der zahlreichen Braunkohlentagebaue vor dem Ende ihrer planmäßigen Laufzeit stillgelegt. Die Fläche aller Tagebaurestlöcher umfasst etwa 100 000 Hektar.

Das Landesamt für Bergbau in Brandenburg hingegen teilte mit, es werde seine fünf großen und 20 kleinen Tagebauseen nicht überprüfen. Dies sagte der Präsident des Landesamt für Bergbaus, Klaus Freytag, der Nachrichtenagentur ddp. In dem Bundesland gebe es keine Tagebauseen mit solchen Böschungen und Wohnbebauungen wie in Nachterstedt. An den Tagebauseen würden teils Warnschilder das Betreten oder Baden verbieten. Anfang des Jahres hat es im ehemaligen Tagebausee Seese-West bei Calau einen unterirdischen Grundbruch gegeben, bei dem eine Waldfläche absackte.

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