Nachterstedt : Risse im Boden

Experte fordert nach dem Erdrutsch in Nachterstedt eine völlig neue Risikobewertung für ganz Deutschland.

Mathias Kasuptke[Nachterstedt]
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Die Unglücksstelle von Nachterstedt kommt nicht zur Ruhe. Gestern wurden weitere Risse entdeckt, die sich immer weiter in das Innere der Siedlung Am Ring fressen. Experten rätseln, was zu dem Unglück geführt haben könnte. Hossein Tudeshki von der TU Clausthal sieht ein sogenanntes Setzungsfließen unter der einstigen Abraumhalde, auf der die Häuser stehen, als wahrscheinliche Ursache. Folgt man dieser Theorie, wären vergleichbare Katastrophen an anderen ehemaligen Braunkohlerevieren ohne Althalden unter den Häusern unwahrscheinlich.

Im Gegensatz dazu warnt der Katastrophenforscher Wolf Dombrowsky von der Universität Kiel davor, dass sich „in den Bergbauregionen Deutschlands ähnliche Katastrophen wiederholen könnten“. Das Unglück sei vorhersehbar gewesen, sagte der Professor der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Dombrowsky ist Mitglied der Schutzkommission beim Bundesminister des Innern, die die Bundesregierung und Länder in Fragen des Schutzes der Zivilbevölkerung berät. Dombrowsky fordert eine Risikokartierung für ganz Deutschland. „In Nachterstedt waschen sich alle Verantwortlichen jetzt rein und sprechen von einem unvorhersehbaren Unglücksfall, doch das entspricht nicht der Wahrheit“, sagte er dem Blatt. „Ich verweise seit Jahren darauf, dass die bisherigen Risikobewertungen in Bergbauregionen ungenügend sind, da komplexe geologische Dynamiken etwa durch Wassereintritte, Temperaturschwankungen und unterschiedliche Lastveränderungen unberücksichtigt bleiben“, sagte der Forscher. Es reiche nicht aus, stillgelegte Stollen aufzufüllen oder Hohlräume aufzuschütten, wie zahlreiche Beispiele im Ruhrgebiet, im Saarland oder in den Braunkohlegebieten in den neuen Ländern zeigten.

„Es ist ein echtes Ärgernis, dass wir in Deutschland keine öffentliche Debatte über die sogenannten Ewigkeitskosten des Bergbaus führen. Aus Angst vor den horrenden Kosten schrecken Kommunen und Bergbaugesellschaften oft davor zurück, seriöse Risikobewertungen durchzuführen, nach der Devise: Wenn drei, vier oder zehn Häuser Risse bekommen, absacken oder zusammenstürzen, kommt uns das immer noch billiger, als präventive Maßnahmen zu ergreifen“, kritisierte Dombrowsky gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

Für Hossein Tudeshki scheint der Fall in Nachterstedt hingegen klar zu sein. Der Professor für Tagebau und Internationalen Bergbau in Clausthal begründet, warum er die Ursache für das Unglück in einem sogenannten Setzungsfließen sieht. „Form, Dynamik und das Ausmaß des Erdrutsches sprechen dafür“, sagt er. Setzungsfließen tritt bei locker gelagerten Böden wie zum Beispiel Sand in Böschungen von Kippen und Abraumhalden auf, wenn Grundwasser ansteigt und sich der Boden allmählich mit Wasser vollsaugt. Der Boden wird dabei stark verflüssigt und bekommt eine breiartige Konsistenz. „Kleinste Auslöser können dazu führen, dass riesige Erdmassen schlagartig mit hoher Geschwindigkeit abrutschen“, betont Tudeshki. Nach seiner Auffassung ist nicht die Böschung des einstigen Tagebaulochs das Problem. Vielmehr sei es die nie verdichtete Abraumhalde, auf der die Häuser in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gebaut worden seien. „Materialzusammensetzung, lockere Lagerung und steigender Grundwasserspiegel“ seien eindeutige Indizien. Dass eine unverdichtete oder auch nur mangelhaft verdichtete Böschung des Tagebaurestloches in Nachterstedt für die Katastrophe verantwortlich ist, schließt Tudeshki aus. Die für die Renaturierung der Tagebaurestlöcher zuständige Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) habe in den vergangenen zwanzig Jahren gezeigt, dass sie die Verfahren beherrsche. „Mir ist im Verantwortungsbereich der LMBV kein vergleichbarer Fall bekannt“, unterstreicht Hossein Tudeshki.

Auch am Concordia-See wurden alle Böschungen des einstigen Tagebaus verfestigt. Erst dann ist das Wasser in den einstigen Tagebau geleitet worden. „Mit einer qualitativ hochwertigen Verdichtung kann man alle Faktoren, die zu einem Setzungsfließen führen, streichen“, erklärt Tudeshki. In der Vergangenheit habe die LMBV „ihre Kompetenz bewiesen“.

Eine nachträgliche Verdichtung der einstigen Abraumhalde ist nach Auffassung von Tudeshki nicht möglich gewesen. „Man hätte die Häuser dafür abreißen müssen.“ Die Tragik des Unglücks liege in der Baugenehmigung für die Häuser auf der Halde vor fast 100 Jahren. „Heute würde dort kein Mensch mehr eine Baugenehmigung erteilen“, erklärte LMBV-Sprecher Uwe Steinhuber.

Probleme mit der Abraumhalde sind aber nichts Neues. In einer Broschüre der Concordia-See GmbH (Ausgabe 2/2009) heißt es unter der Überschrift „Inbetriebname des zweiten Anlegers muss wegen historischer Altlast warten“, dass man bei Bauarbeiten für den Schiffsanleger Nachterstedt am Südufer „auf schadstoffhaltige Ablagerungen aus der einstigen Schwelerei“ gestoßen sei. Die Rückstände stammen aus dem 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Kohleveredelung und wurden mit normalem Abraum im Aufbau eingelagert.

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