Welt : Nachtfahrt durch die Wüste

Die freigelassenen Sahara-Geiseln gelangten auf eigene Faust wieder nach Ägypten zurück

Tanja Buntrock[Sandra Daßler],Martin Gehlen

Berlin/Kairo - Zehn Tage lang befanden sie sich in der Hand von Entführern in der Sahara. Am Dienstagmorgen landeten fünf Deutsche und eine Rumänin mit einem Sonderflug der Lufthansa auf dem militärischen Teil des Flughafens Berlin-Tegel. Sie waren am 19. September gemeinsam mit fünf Italienern und acht ägyptischen Begleitern während einer Wüstensafari verschleppt worden. Die ehemaligen Geiseln seien den Umständen entsprechend wohlauf, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Unter ihnen war auch der 65-jährige Berliner Bernd L.. Am Dienstagnachmittag war er bereits wieder in seine Kreuzberger Wohnung zurückgekehrt. Vor der Haustür herrschte ein großer Medienandrang.

Bei den übrigen deutschen Ex-Geiseln handelt es sich um eine 60-jährige Frau und einen 56-jährigen Mann aus Hessen sowie eine 69-Jährige und einen 37-Jährigen aus Baden-Württemberg. Die entführte Rumänin stammt ebenfalls aus Baden-Württemberg.

Die ehemaligen Geiseln kehrten gemeinsam mit Sonderkräften der GSG 9, der Flugstaffel der Bundespolizei und der Bundeswehr, die bei ihrer Befreiung helfen sollten, zurück. „Die ägyptische Regierung hatte sich bereit erklärt, die deutschen Spezialkräfte in die Befreiung der Geiseln einzubinden“, sagte der Sprecher des Auswärtigen Amts dem Tagesspiegel. „Das war aber nicht nötig, sie kamen nicht zum Einsatz“, sagte er weiter.

Über die Umstände, die zur Freilassung der insgesamt 19-köpfigen Gruppe führten, gab es auch am Dienstag immer noch verschiedene Versionen. Die deutschen Ex-Geiseln konnten am Dienstag zwar beim Aussteigen aus der Lufthansa-Maschine fotografiert werden, mit der Presse reden durften oder wollten sie allerdings nicht.

Mitteilungsfreudiger waren die fünf italienischen Wüstenurlauber. Sie kehrten bereits in der Nacht zum Dienstag in einer Militärmaschine in ihre Heimatstadt Turin zurück und hielten mit ihren Erlebnissen nicht hinter dem Berg. „Es gab einen Punkt, da dachten wir, das wäre das Ende für uns“, schilderten sie Reportern. Die Entführten erlebten eine Odyssee durch die Wüste. Sudanesische Kidnapper hatten sie nach Angaben aus Khartum erst in den Sudan, dann nach Libyen und in den Tschad verschleppt.

Aussagen der italienischen und ägyptischen Geiseln zeigen, dass die offizielle ägyptische Darstellung der Befreiung offenbar frei erfunden ist. Ägyptens Verteidigungsminister Hussein Tantawi hatte am Montag behauptet, 30 Männer der ägyptischen Spezialtruppe „Lightning Brigade“ hätten das Versteck der Kidnapper am frühen Montagmorgen angegriffen, die Hälfte von ihnen erschossen und die Geiseln befreit. Dem widersprach kurz darauf die sudanesische Regierung und erklärte, die Bewaffneten hätten von sich aus die Flucht ergriffen. Sie hätten die Geiseln in der Wüste zurückgelassen, nachdem am Sonntagabend acht der Kidnapper von sudanesischen Soldaten in ein Feuergefecht verwickelt worden waren. Der deutsche Innenstaatssekretär August Hanning sagte dem Fernsehsender n-tv, dass die Entführer die Geiseln freigelassen hätten, nachdem am Sonntag sudanesische Sicherheitskräfte sechs Entführer erschossen hatten.

Italienische Geiseln und ägyptische Fahrer wiederum berichteten am Montag, die Gruppe hätte sich nach dem Verschwinden der Entführer selbst durch eine gut fünfstündige Nachtfahrt auf ägyptischen Boden gerettet. Am Sonntagabend gegen 20 Uhr habe einer der Entführer einen Anruf erhalten, berichtete der Fahrer Hassan Abdel Hakim der Nachrichtenagentur AP: „Sie forderten alle Ägypter auf, sich in einer Reihe aufzustellen, dann entsicherten sie ihre Gewehre – in diesem Augenblick dachten wir, jetzt sind wir tot.“ Dann plötzlich hätten sie der Gruppe gesagt, sie solle sich einen der Wagen nehmen und verschwinden. Zusammengepfercht in einem Jeep – einige saßen auf dem Dach – seien alle 19 Personen dann in der Nacht auf eigene Faust fünf bis sechs Stunden durch die Wüste gefahren, bis sie Ägypten erreichten. mit dpa

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