Welt : Nachtgestalten

Silke Zorn

Schlaf! Eine Aufforderung, der Maya allzu gerne nachkommen würde – wenn sie nur könnte. Aber sie kann nicht, und so streift die junge Frau Nacht für Nacht durch menschenleere Straßen und klingelt mit boshafter Freude jene aus ihren Betten, denen vergönnt ist, was sie nicht haben kann. Doch Maya ist nicht allein. „Warte, ich komme“, schallt es ihr eines Nachts erwartungsvoll aus der Gegensprechanlage eines Wohnblocks entgegen. Auch Benoît kann nicht schlafen, und gemeinsam ziehen sie durch trostlose Kneipen und drehen sich in einsamer Zweisamkeit doch immer nur um sich selbst.

Nach diesen 159 Seiten Schlaflosigkeit werden sich selbst routinierte Schnell-Einschläfer völlig gerädert fühlen, so bildhaft schildert die junge belgische Autorin Annelies Verbeke die rastlose Jagd nach dem erlösenden Schlummer. Man meint neben Maya im Bett zu liegen, wenn der Rücken ihres friedlich schnarchenden Freundes sie zur Weißglut treibt – man meint neben Benoît durch dunkle Gassen zu hasten, wenn er wieder einmal glaubt, die Augen, den Dialekt oder den Geruch seiner toten Mutter in einer fremden Frau zu entdecken. Tragisch und komisch und skurril sind die beiden Anti-Helden, doch immer bleiben sie authentisch. Wer allerdings hofft, dass Maya und Benoît mit vereinten Kräften einen Ausweg aus ihrem Dilemma finden, wird enttäuscht. Zu sehr sind beide mit sich selbst beschäftigt, in den eigenen Ängsten und Hoffnungen gefangen. Ein Roman für – selbstverständlich! – schlaflose Nächte.


Dieses Buch bestellen Annelies Verbeke: Schlaf! Roman. Aus dem Niederländischen von Heike Baryga. Reclam, Leipzig. 159 Seiten, 14,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben