Welt : Nackte Angst

Amerikas Sexindustrie steht unter Schock: Nach der HIV-Infektion eines Pornodarstellers stehen die Schauspieler Schlange für Aids-Tests

Matthias B. Krause[New York]

Von Matthias B. Krause,

New York

Der wichtigste Zeuge war tagelang verschwunden. Die Anrufe seiner Freunde blieben unbeantwortet, seine Wohnung unbenutzt. Und während sie sich auf die Suche nach dem Verschollenen machten, kam die Multi-Milliarden-Dollar-Industrie, für die er arbeitet, beinahe zum Erliegen. Der amerikanische Porno-Darsteller Darren James ist angeblich mittlerweile wieder aufgetaucht, doch die größten Produktionsfirmen in der „Adult Entertainment Industry“, wie die Sex-Industrie in den USA heißt, haben immer noch geschlossen. Der Grund: James letzter HIV-Test ist positiv.

Die Branche zittert

Nun zittert die gesamte Branche, vor allem aber bangen die Darstellerinnen, mit denen James Sex hatte. Zwölf Frauen sind bislang identifiziert, eine davon, eine junge Kanadierin, hat sich ebenfalls angesteckt. Weitere 55 Darsteller gehören zur zweiten Generation, arbeiteten also mit einer Schauspielerin, die mit James in Kontakt war, seit der von einer Brasilienreise zurückkam, wo er sich vermutlich ansteckte. Sie alle stehen für 60 Tage unter Quarantäne. So lange kann es dauern, bis sich genügend Antikörper im Blut angesammelt haben, um das lebensbedrohliche Virus nachzuweisen.

Die Panik in der Sexfilm-Industrie wirft auch ein Schlaglicht auf eine Branche, die seit Jahren im San Fernando Valley, nur ein Tal jenseits von Hollywood, prächtiger und prächtiger blüht. Zwischen neun und 13 Milliarden Dollar setzen knapp 200 Produktionsfirmen, die sich mit der Fleischeslust befassen, nach allgemeinen Schätzungen pro Jahr um. Mit etwa 1200 Darstellern werfen sie Tausende von Filmen auf den Markt. Dabei gilt die Faustformel: Je härter der Film, desto lauter klingeln die Kassen aller Beteiligten.

„Die Filme werden von den Vertrieben schneller angenommen, wenn die Darsteller keine Kondome tragen", sagt Sharon Mitchell, „und die Darsteller verdienen mehr Geld ohne. Sie sehen das als Berufsrisiko". Mitchell war einst selbst in der Branche tätig, mittlerweile leitet sie die „Adult Industry Medical Health Care Foundation", eine gemeinnützige Organisation, die sich um die Gesundheit der San-Fernando-Darsteller kümmert. Jeden Monat kommen zu ihr 1200 Sexarbeiter zum Gesundheitscheck.

Zwei Aids-Skandale haben die Branche bislang erschüttert. In dem ersten steckte ein männlicher Darsteller fünf Kolleginnen an. Das war 1998, ein Jahr später wurde noch einmal eine HIV-Infektion bei einem Porno- Star nachgewiesen, danach nicht mehr. Aktuelle Aids-Tests sind seitdem bei den meisten Produktionsfirmen obligatorisch, die Darsteller wiegen sich deshalb in trügerischer Sicherheit.

Auch Darron James ließ sich alle drei Wochen untersuchen. Der Haken bei der Sache ist nur, dass es bis zu zwei Monate dauern kann, ehe das Virus entdeckt wird. In der Zwischenzeit hatte der Darsteller mindestens mit 14 Frauen und Männern intimen Verkehr.

Unter anderem mit der 22 Jahre alten Kanadierin Laura Roxx, die vor zwei Monaten nach San Fernando Valley gekommen war, um in kurzer Zeit ein paar Dollar zu machen und dann wieder in ihr bürgerliches Leben zurückzukehren. So war ihr Plan. Sie sei sich der Gefahr bewusst gewesen, sagte sie dem Porno-Branchendienst AVN, doch die Produzenten hätten sie davon überzeugt, ohne Kondom zu arbeiten: „Ich dachte, die Porno-Leute wären die saubersten Leute in der Welt." – Eine Naivität, für die sie nun bitter bezahlen muss. Auch ihr zweiter HIV-Test fiel positiv aus.

Andere haben einen realistischeren Blick auf die Branche. „Es ist ein bisschen wie Wild West hier", sagt Mitchell, „eine der letzten Möglichkeiten, dem regulierten Leben zu entfliehen. Es ist einfach schick, Porno-Star zu sein. Außerdem sehen das hier viele als Hintertür zu Hollywood, schließlich liegt es ja gleich hinterm Berg." Wie lange die Branche brauchen wird, bis sie sich von dem Schock wieder erholt, ist schwer zu sagen. Nach Angaben von Vivid Entertainment, einem der Großen im Geschäft, haben bislang 75 Prozent der Produzenten einem Drehstopp bis zum 8. Juni zugestimmt. Bis dahin hofft Mitchell sicher zu sein, dass das Virus eingedämmt ist.

„Es ist schick, ein Porno-Star zu sein“

Doch nicht alle halten sich an die Zwangspause, zu viel Geld steht auf dem Spiel. Sie habe sich vorgenommen, die Dinge jetzt anders zu machen, sagte Darstellerin Summer Tyme der „Los Angeles Times", nur noch Sex mit Mädchen oder mit Kondom: „Kein Geld der Welt ist es Wert, sein Leben zu riskieren." Als sie sich bei ihrer Produktionsfirma beschwerte, dass sie mit jemandem drehen sollte, der auf der Quarantäne-Liste steht, bekam sie prompt keinen Job mehr. Andere sind skrupelloser. Darsteller Dino Bravo sagte der Zeitung: „Es gibt überall Risiken. Ich kann morgen meine Sachen packen und übermorgen von einem Laster überfahren werden. Ich muss meine Rechnungen bezahlen."

Notfalls mit dem eigenen Leben.

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