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Nadja Benaissa : Kein Engel könnte tiefer fallen

Hat die No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa ihre Sexpartner bewusst mit HIV infiziert? Jetzt steht sie in Darmstadt vor Gericht - und ist geständig.

Christine Keck
Ein Lächeln des früheren Castingstars bei einer Aids-Gala in Berlin. Foto: ddp
Ein Lächeln des früheren Castingstars bei einer Aids-Gala in Berlin. Foto: ddpFoto: ddp

Der Fall von Nadja Benaissa könnte kaum tiefer sein. Seit Montag muss sich die 28-jährige Sängerin der erfolgreichsten Castingband Deutschlands, den No Angels, vor dem Darmstadter Amtsgericht verantworten. Der Vorwurf gegen sie hatte großes Aufsehen erregt. Gefährliche Körperverletzung lautet die Anklage der Staatsanwaltschaft, sie habe ihren Körper als „Biowaffe“ eingesetzt, schrieb die Boulevardpresse.

Nadja Benaissa ist HIV-positiv und wird ihr Leben lang Medikamente gegen die Immunschwächekrankheit einnehmen müssen. Darüber spricht die Frau mit den wilden Locken inzwischen offen – sogar im Fernsehen. „Ich habe jetzt diesen Stempel“, sagt sie, und dass sie versuche, das Beste daraus zu machen. Zu Prozessauftakt gestand sie, trotz der ihr bekannten HIV-Infektion ungeschützten Sex gehabt zu haben. „Es tut mir aber von Herzen leid“, sagte die 28-Jährige am Montag vor dem Amtsgericht Darmstadt.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, zwischen 2000 und 2004 mit drei Männern ungeschützten Sex gehabt zu haben, ohne dass die Partner von der Infektion wussten. Einer der drei, ein Exfreund, soll sich mit dem Virus angesteckt haben und tritt als Nebenkläger bei dem fünftägigen Prozess auf. Unter den etwa 20 Zeugen sind auch drei andere Mitglieder der Girlband. Der Sängerin droht Haft zwischen sechs Monaten und zehn Jahren.

Aufstieg und Absturz, Erfolge und Burn-out, Millionen verkaufter Alben als glitzernder No-Angel-Star und am Ostersamstag vergangenen Jahres schließlich die Festnahme in einem Frankfurter Nachtclub, kurz vor einer Soloshow. Das Leben von Nadja Benaissa ist eine einzige Achterbahnfahrt, mit vielen Höhen und noch mehr Tiefen. Zehn Tage lang saß die Musikerin in Untersuchungshaft und durfte nur unter strengen Auflagen das Frauengefängnis wieder verlassen. Viele kritisierten damals, die Justiz gebe die Frau der öffentlichen Neugier preis.

Als Infizierte geoutet wurde der Retorten-Popstar in einer Presseerklärung der Ermittlungsbehörden. Ein Vorgehen, das ebenso wie die öffentlichkeitswirksame Verhaftung heftig umstritten war und eine neue Debatte über den Umgang mit HIV-Positiven ausgelöst hat. „Die hessische Justiz will offenbar ein Exempel statuieren“, kritisierte etwa die Deutsche Aids-Hilfe und bezeichnete die spektakuläre Festnahme vor einer Disco als unverhältnismäßig.

Es wird nicht einfach sein, beim Prozess zu klären, ob Nadja Benaissa tatsächlich ihren Exfreund 2004 infiziert hat. Die Ermittler haben zwar ein immunologisches Gutachten angefordert, doch dessen Aussagekraft ist beschränkt. „Nach so vielen Jahren ist es ausgesprochen schwierig, den sicheren Nachweis der Verwandtschaft der Viren zu erbringen“, sagt Georg Behrens, Immunologe an der Hochschule Hannover. Die Viren veränderten sich im Laufe der Zeit zumeist erheblich, betont der Wissenschaftler. Entsprechend sinke die Wahrscheinlichkeit, sie zweifelsfrei zuordnen zu können.

Auch die Frage, ob Nadja Benaissa vorsätzlich handelte, wird das Gericht beschäftigen. Wie die Staatsanwaltschaft Darmstadt mitteilte, hat die Sängerin bereits 1999 erfahren, dass sie das Virus in sich trägt, und hätte daher wissen müssen, dass Geschlechtsverkehr ohne Kondom für den Partner lebensgefährlich sein kann. Dabei kennt sie die Ängste, die das Virus auslöst, genau. „Es ist immer noch ein Ausnahmezustand“, gestand sie in einem Fernsehinterview und erzählte, wie sehr sie dafür gekämpft habe, dass nicht alle Welt von ihrem Geheimnis erfahre. Nur wenige Vertraute wussten Bescheid, ihre Tochter, inzwischen zehn Jahre alt, gehörte nicht dazu.

Einen Neuanfang wünscht sich der Star, der längst keiner mehr ist. Die letzte Tour mit den No Angels hatte die alleinerziehende Mutter im vergangenen Mai kurzfristig abgesagt – aus gesundheitlichen Gründen. Jetzt versucht sie ihr Glück mit einer Biografie, die im Oktober erscheinen soll und die einen einen bezeichnenden Titel tragen wird: „Nadja Benaissa – Alles wird gut.“

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