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Die Jagd nach Paparazzi-Fotos wird zum Volkssport. Für „Abschüsse“ von Prominenten oder Autounfällen gibt es jetzt Kopfgeld

Ulrike Simon

Manche können es einfach nicht lassen. Der Verstoß gegen Persönlichkeitsrechte, das Befriedigen von Sensationsgier, das Verhöhnen von Menschen – es scheint bei manchen Medien zwanghaft zu sein.

Nichts ließ der TV-Moderator Günther Jauch unversucht, um den Medien von vornherein klar zu machen, dass er bei seiner Hochzeit in Ruhe gelassen werden will. Die meisten hielten sich daran, aber nicht alle. Am dreistesten missachtete „Bunte“ Jauchs Wunsch, seine Privatsphäre zu respektieren. „Bunte“ ließ sich auch von der Androhung juristischer Schritte in keiner Weise beeindrucken. Auf vier Seiten druckte die Münchner Illustrierte ein großes Foto der Braut und sämtliche Details der Hochzeit. „Bunte“ beging das, was Jauch befürchtet hatte: einen kalkulierten Rechtsverstoß. Konsequent fordert sein Anwalt nun eine Unterlassungserklärung und prüft Ansprüche auf Schadenersatz und Schmerzensgeld.

Wie kalkuliert der Rechtsverstoß ist, zeigt die Ankündigung auf dem „Bunte“-Titel. „Die geheimste Hochzeit des Jahres" steht da unter einem Archivfoto des Paares aus dem Jahr 2001. Mit der Wahl eines zulässigen Archivfotos umging „Bunte“ zumindest das Risiko, schon wegen des Titels in Anspruch genommen zu werden. So wie „Bild“, die in der verkaufsschwachen Sonnabendausgabe fast die ganze obere Hälfte der Seite 1 für eine Gegendarstellung von Heide Simonis freiräumen musste. Stets hatte die Teilnehmerin des RTL-Tanzwettbewerbs „Let’s Dance“ erklärt, niemals an einer Sendung wie der Dschungel-Show teilzunehmen. Dennoch machte sich „Bild“ den Spaß, sie mittels Fotomontagen zu verhöhnen. Das Blatt ließ es sich auch nicht nehmen, am Montag nachzutreten und die Gegendarstellung als Versuch der Ex-Politikerin zu interpretieren, mit allen Mitteln auf die Seite 1 von „Bild“ kommen zu wollen. Manche können es eben nicht lassen. Dabei hat sie lediglich ihr Recht in Anspruch genommen, sich zu wehren. Nicht mehr und nicht weniger.

„Es ist ein Tabu-Bruch, den es so noch nie gegeben hat!“, schrieb „Bild“ am Sonnabend über die Veröffentlichung eines Fotos der 1997 bei einem Autounfall umgekommenen Lady Diana. Das Foto zeigt sie kurz vor ihrem Tod, im Auto sitzend. Es stammt aus dem italienischen Magazin „Chi“. „Bild“ ließ es sich nicht nehmen, die entsprechende Seite gut 17 mal 23 Zentimeter groß nachzudrucken. Dezent ist das nicht. Zumal Dianas Söhne appelliert hatten, diese Fotos nicht zu veröffentlichen.

„Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden.“ So steht es im deutschen Pressekodex.

Groß war die Debatte nach Dianas Tod, wie weit Medien bei der Jagd auf Fotos prominenter Menschen gehen dürfen.

Dank Handy- und Digitalkameras kann nun jeder Paparazzo sein. Ein Volkssport, der auch Nichtprominente treffen kann: Gut möglich, dass bei einem Unfall erst ein Foto geschossen wird, bevor der Ruf nach einem Arzt und erste Hilfe erfolgt.

„Hat ein Prominenter in Ihrer Gegenwart in der Nase gebohrt? Blitzte für Sekunden der Busen eines prominenten Stars unter der Bluse hervor? Wurden Sie Zeuge eines Großbrandes oder eines Unfalls?“ Dann machen Sie ,klick’“, fordert „Bild“.

Fotos von Lukas Podolski auf Mallorca und David Odonkor auf einem Parkplatz sind in diesen Tagen erschienen, beide Male sollen die „Leser-Reporter“ mit 500 Euro für das Einsenden der Handy-MMS belohnt werden. Die Fußballer gehen dagegen vor, sagte ihr Spielerberater Kon Schramm dem Tagesspiegel. Ihr Anwalt Christian Schertz bestätigte, in beiden Fällen Unterlassungserklärungen zu fordern. Er fühlt sich an Orwells „1984“ erinnert: Der „Bild“-Aufruf an die Leser führe dazu, „dass ganz Deutschland versucht, Abschüsse aus dem Privatleben herzustellen“. Dieser Art von Hetzjagd müsse ein Riegel vorgeschoben werden. Trotzdem werden es manche nicht lassen können.

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