Narren in der Lagune : Karneval in Venedig: Der Reiz des Anonymen

Venedig ist dieser Tage voll von reich ausstaffierten Karnevalsgästen. Ein Besuch im Palazzo von Antonia Sautter, einer Kostümbildnerin im historischen Stadtteil San Marco.

Kirstin Hausen
Antonia Sautter (li.) vor der Eröffnung des Dogenballs.Alle Bilder anzeigen
Foto: Mirco Toffolo R.
14.02.2012 13:28Antonia Sautter (li.) vor der Eröffnung des Dogenballs.

Chiffon, Samt, Jacquard – auf einem langen Holztisch türmen sich Berge von Stoff. Dazwischen funkeln goldene Knöpfe, Strass, tropfenförmige Anhänger und Broschen. In den Ecken posieren Schaufensterpuppen in prächtigen Gewändern. Drei Nähmaschinen rattern wie im Akkord, aber Hektik ist nicht zu spüren. Im Gegenteil: die kleine Schneiderstube unter dem Dach eines antiken Palazzo im Stadtteil San Marco ist erfüllt von kindlicher Freude.

Schneiderin Luisa legt unterschiedlich breite Samtbordüren an einen scharlachroten Umhang an, ihre Kollegin streift sich den gerade fertig genähten schwarzen Spitzenhandschuh über und lächelt verführerisch in den Wandspiegel. Antonia Sautter legt ihr eine Federboa um die Schultern und sucht kichernd nach dem passenden Kopfschmuck. Eigentlich hat sie für solche Späße keine Zeit. Die Inhaberin der Kostümschneiderei und des Unternehmens AS Creations&Events müsste ihre Mitarbeiterinnen zur Eile antreiben, der Karneval naht. Dann steigen die Maskenbälle von ganz Venedig, wie der Ball des Dogen. „Das ist nicht nur ein Ball, das ist ein magischer Moment“, sagt Organisatorin Antonia Sautter, die früher einmal als persönliche Beraterin für Partyangelegenheiten eines saudischen Scheichs wirkte. Ihre guten Beziehungen zum internationalen Jetset machen sich heute bezahlt, zu ihren Ballgästen zählen Prinzessinnen aus Fernost, Modedesigner und Geldmagnaten sowie Hollywoodgrößen. Namen nennt sie nicht, die Anonymität sei ja gerade der Reiz ihres Balles. Und des Carnevale veneziano überhaupt, fügt die Tochter einer Venezianerin und eines Deutschen hinzu.

Das Spiel mit der Anonymität, der Reiz des Geheimnisvollen – das ist der Geist des Karnevals von Venedig. Unverzichtbar ist bei diesem Versteckspiel für Große die Maske. Kunstvolle Fantasiemasken sind heute am beliebtesten. Die Originalmasken des venezianischen Karnevals stammen dagegen aus der Commedia dell’ arte, einer Form der Volkskomödie, die im 16. Jahrhundert entstand. Ihre Hauptfiguren tragen Masken und sind immer die gleichen. Harlekin, der bauernschlaue Diener, seine Freundin Colombina, Pantalone und viele andere. Sie folgen einer festgelegten Dramaturgie, die aber auch Raum für Improvisation lässt. Daneben gibt es die traditionelle Bauta, eine schlichte, weiße Gesichtsmaske, zu der man einen schwarzen Umhang trägt. Früher, als die Sitten noch strenger waren, und die Frauen aus gutem Hause starren gesellschaftlichen Regeln unterworfen waren, bot der Karneval reichlich Gelegenheit, über die Stränge zu schlagen. Die aristokratischen Damen verkleideten sich und gingen inkognito auf den Maskenball. Dort tummelten sich aber auch gewitzte Küchenjungen und Kammerzofen, die die Gunst der Maske nutzten, um einmal mitzutanzen in der besseren Gesellschaft. Die Standesunterschiede verschwanden und die guten Sitten auch.

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