Natascha Kampusch : Der lange Weg in die Normalität

Natascha Kampusch hat im ORF ein Interview gegeben – und über ihr schwieriges Leben gesprochen.

Markus Huber
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Natascha Kampusch am Montag im ORF. -Foto: AFP

WienWas Natascha Kampusch morgen, am ersten Jahrestag ihrer Flucht aus der achteinhalbjährigen Gefangenschaft machen wird? Gut möglich, dass sie diesen 23. August 2007 als ganz normalen Tag begehen wird, sich also mit einer ihrer Halbschwestern treffen wird oder eine Fahrstunde nimmt, gut möglich, dass sie auch eine längere Sitzung bei ihrer Therapeutin hat und anschließend eine Runde Bogenschießen geht. Gut möglich auch, dass sie sich an diesem Jahrestag einfach nur zurückzieht, allein sein will in ihrer neuen Wohnung im siebten Wiener Gemeindebezirk. Genau ein Jahr ist es her, dass die mittlerweile 19-jährige Natascha Kampusch von ihrem Entführer Wolfgang Priklopil flüchten konnte, und bei einem großen Interview, dass sie Montagabend im österreichischen Fernsehen gab, war zu sehen, wie sehr sich Kampusch nun bemüht, ein normales Leben zu führen. Das Interview selbst, das sie übrigens jenem ORF-Journalisten gab, der sie auch vor nicht ganz einem Jahr nach ihrer Flucht zum ersten Mal vor die Kamera bat, zeigte nach wie vor eine sehr bedächtige junge Frau. Sie sprach langsam, sehr überlegt, erzählte davon, dass sie sich immer noch schwer tue, Freundschaften zu schließen, weil „ich für mich noch nicht herausgefunden habe, wie man Freundschaft definiert.“ Ihr Urteil über ihren Entführer Priklopil fiel ebenfalls sehr zurückhaltend aus: „Er tut mir immer mehr leid“, sagte Kampusch, „er ist eine arme Seele, verloren und fehlgeleitet.“

Bei manchen Antworten wirkte sie verunsichert, ihre Stimme zitterte ein wenig, während andere Antworten einstudiert wirkten – aber wie sollte es anders sein bei einer Frau, für die die Freiheit noch immer alles andere als normal ist. „Jetzt geht es mir sukzessive besser, obwohl ich noch immer recht schreckhaft bin und ich immer noch meine Kreislaufprobleme habe“, sagt sie. Nach den endlosen Jahren im dunklen Verlies ihres Peinigers werde es sicher „noch lange dauern“, bis sie „irgendjemand wirklich voll vertrauen kann“. Kampusch: „Ich habe ein klein wenig meine Scheu vor anderen Menschen verloren, und diese Ängstlichkeit ist weggegangen.“ Aus ihrem Leben erzählte sie, dass sie „immer noch Menschen auf der Straße trifft, die mir heulend um den Hals fallen oder fallen wollen. Es gibt auch Menschen, die irgendwelche Gebete murmeln“. Demnächst wolle sie die Hauptschule fertig machen, danach Matura oder eine Studienberechtigungsprüfung ablegen. Das Interview selbst wurde fast genauso bedächtig geführt wie kurz nach ihrer Entführung vor einem Jahr. Christoph Feuerstein, der für seine Interviewführung im Vorjahr mit dem wichtigsten österreichischen Journalistenpreis ausgezeichnet wurde, war tunlichst bemüht, keine indiskreten Fragen zu stellen.

Interessant waren auch die Bilder, die rund um das Gespräch ausgestrahlt wurden. Sechs Tage hatte das ORF-Team mit Kampusch in Barcelona verbracht – sie hatte sich den Ort ausgesucht, sie war noch nie im Ausland gewesen und obendrein auch noch nie am Meer. Darum sah man Kampusch nun in einem Flugzeug sitzen, man sah sie bei Stadtspaziergängen durch Barcelona, man sah sie auf einem Boot und auch beim Schwimmen. Sie wirkte dabei viel natürlicher, viel weniger inszeniert als bei den Gesprächen selbst – wie eine Frau, die 19 Jahre alt ist und endlich auch mal Ferien machen will. Kampusch sprach auch über ihre Eltern. Ihre Mutter und ihr Vater liegen seit Jahren im Dauerclinch, seit Kampuschs Flucht ist die Situation eskaliert. Ihre Mutter hatte ein Buch geschrieben, in dem sie laut Kampusch auch faktische Fehler eingebaut hat und obendrein den Vater als Alkoholiker darstellt. Kampusch sagte nun im ORF, dass sie nicht will, dass ihre Familie wie die „Ozbournes oder die Lugners“ inszeniert werden. Sie selbst wolle auch „keine Paris Hilton“ werden, die ihr Privatleben an die Öffentlichkeit schleppt.

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