Welt : Natascha will nicht die Hilflose sein

Psychologen betonen ihre Selbstständigkeit, Klugheit und ihr Erwachsensein / Experte beklagt „zweite Viktimisierung“ durch Medien

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Berlin - Die Ermittler und die betreuenden Psychologen haben am Wochenende mit mehreren Äußerungen das Bild korrigiert, die nach achtjähriger Entführung geflüchtete Natascha Kampusch sei ein hilfloses Opfer, das seinen Herausforderungen nicht gewachsen sei und von der Öffentlichkeit abgeschirmt werden müsse. Die 18-Jährige hat von sich aus entschieden, nach der ersten Begrüßung ihre Mutter nicht mehr sehen zu wollen. Auch den Kontakt zu ihrem Vater hat sie abgebrochen.

Eine Psychologin, die in die Betreuung eingebunden ist, sagte der österreichischen Nachrichtenagentur APA: „Natascha Kampusch erwartet Respekt für ihre Person. Sie erwartet, dass ihre Privatsphäre trotz der übergroßen Teilnahme an ihrem Leben geachtet wird.“ Die junge Frau verfolge die Berichte über ihren Fall mit großem Interesse, sagte die Betreuerin. Dabei wirke es befremdend auf die 18-Jährige, dass sie nur als Opfer dargestellt werde: „Sie ist nicht das arme Opfer. Sie ist eine erwachsene junge Frau.“ Die Psychologin beschreibt Kampusch als kluge, eloquente Persönlichkeit: „Sie findet sich schnell zurecht und hinterfragt sehr viel.“

Kinderpsychiater Max Friedrich zufolge droht durch die exzessive – auch internationale – Berichterstattung eine „zweite Viktimisierung“ der jungen Frau. So werde „dieses Opfer gleich noch einmal zum Opfer“. Sie habe ausdrücklich darum gebeten, „bestimmte Informationen keinesfalls an Dritte weiterzugeben“, sagte ein Ermittler. Das Medieninteresse ist enorm: Kamerateams und Reporter aus aller Welt belagerten das Haus in Strasshof, wo Natascha – kaum 20 Kilometer von der Wohnung ihrer Mutter entfernt – gefangen gehalten worden war. Ein Interview oder ein öffentlicher Auftritt sei aber frühestens in einigen Wochen zu erwarten, sagte eine Betreuerin.

Gerichtspsychiater Reinhard Haller sagte, Natascha könnte ihr Urvertrauen in Menschen verloren haben, was auch dazu führen könne, dass sie ihre Eltern jetzt zurückweise. Die Eltern kritisierten die Behörden dafür, dass sie nicht wüssten, wo sich ihre Tochter aufhalte. „Ist es nicht ein Irrsinn, dass ich nicht weiß, wo sie sich jetzt befindet?“, fragte Vater Ludwig Koch in einem APA-Interview. Mutter Brigitta Sirny wurde vom „Kurier“ mit den Worten zitiert: „Natascha ist jetzt wieder weggesperrt. Das ist furchtbar für mich.“ Der Sprecher des österreichischen Bundeskriminalamts, Generalmajor Gerhard Lang, bestreitet den Vorwurf einer polizeilichen Bewachung. „Wenn Natascha sich dazu entschließt, zum Graben in der Wiener Innenstadt zu fahren und sich einen Kaffee zu holen, dann kann sie das tun“, sagte er am Sonntag. Die 18-Jährige werde nicht polizeilich bewacht, „wenn sie will, kann sie überall hingehen“.

Die Gerichtspsychiaterin Sigrun Rossmanith bescheinigte Natascha Kampusch einen starken Willen. „Sie muss sich mit ihrer Situation arrangiert haben. Sonst hätte Natascha nicht überlebt“, sagte sie. Dem Entführer sei es offenbar nicht gelungen, sie in ihrer achtjährigen Gefangenschaft vollständig zu brechen. Sonst hätte die junge Frau sich letztlich nicht doch zur Flucht entschlossen, sagte Rossmanith.

Die Gerichtspsychiaterin spricht damit eine Frage an, die sich viele stellen: Warum ist Natascha Kampusch zu diesem Zeitpunkt geflüchtet? Warum nicht früher, als ihr Peiniger mit ihr spazieren oder in einen Supermarkt ging? Hatte sie einen wichtigen persönlichen Entwicklungsschritt vollzogen, um sich aus dem Geflecht von Angst, Abhängigkeit und Hilflosigkeit lösen zu können? Oder war es wirklich die allererste Gelegenheit, um zu flüchten?

Diese Fragen können alle noch nicht beantwortet werden. Auch das angebliche Tagebuch wird nicht weiterhelfen. Es gebe kein Tagebuch, korrigierte die Polizei am Sonntag falsche Meldungen vom Vortag. Diese Korrektur macht noch einmal deutlich, wie schwer es derzeit ist, unter den vielen Details, die in diesen Tagen berichtet werden, Richtiges von Falschem zu unterscheiden. Bei der Durchsuchung des Verlieses wurden zahlreiche Zettel, Notizen und Aufzeichnungen gefunden. Es ist aber noch unklar, wer sie verfasst hat und was sie aussagen. Auch die These von einem Komplizen erwies sich am Sonntag als aus der Luft gegriffen. Kampusch selbst habe nur von einem Täter gesprochen, sagte die Polizei. Eine damals zwölfjährige Zeugin habe inzwischen ihre Aussage dahingehend präzisiert, dass sie keinen zweiten Mann gesehen habe, sondern lediglich davon ausgegangen sei, dass sich in dem Lieferwagen auch ein Fahrer befunden haben müsste. Das ist eine etwas andere Darstellung als vor zwei Tagen.

Der Täter Wolfgang Priklopil, der wenige Stunden nach der Flucht Selbstmord beging, war der Polizei zuvor nicht aufgefallen. Ein Datenbank-Vergleich habe ergeben, dass der 44- Jährige nie in einen schweren Kriminalfall verwickelt war, sagten die Ermittler.

Mindestens einmal soll nach Medienberichten Priklopils Mutter das Mädchen gesehen haben. Auch ein Bekannter soll im Haus auf Natascha getroffen sein. Beiden konnte er den Ermittlern zufolge Nataschas Anwesenheit plausibel erklären.

Ausländische Medien sollen zwischen 40 000 und 50 000 Euro für ein Interview mit Natascha Kampusch geboten haben. Berichte, wonach die Anfang September auf den Markt kommende neue Tageszeitung „Österreich“ 200 000 Euro für ein Exklusiv-Interview geboten haben soll, wurden von deren Herausgeber als „völlig absurd“ zurückgewiesen. Zumindest der Vater aber soll für seine Interviews Geld bekommen haben. Der 51-jährige Bäcker soll das Geld angeblich nicht für sich verwenden, sondern auf ein Spendenkonto für seine Tochter einzahlen. Laut APA sollen dort bereits am ersten Tag 50 000 Euro von Medien eingegangen sein, die mit dem Vater Interviews führten. Tsp

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