Naturschutz : Die weltweite Artenvielfalt sinkt bedrohlich

Um mehr als ein Viertel ist die globale Artenvielfalt seit den 70er Jahren gesunken, vor allem als Folge menschlichen Handelns. Vor dem Weltnaturschutzgipfel schlagen Politiker Alarm - und der WWF befürchtet ernste Folgen für die Menschheit.

Artenschutz
Der Bestand der Grünen Meeresschildkröte hat sich glücklicherweise erholt - Entwarnung gibt es trotzdem nicht -Foto: dpa

LondonDie Artenvielfalt auf der Erde ist laut einem Bericht der weltgrößten Umweltschutzorganisation WWF in den vergangenen drei Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Insgesamt sanken die globalen Wildtierbestände seit den 70er Jahren um 27 Prozent, wie aus dem am Freitag in London vorgestellten "Living Planet Index 2008" hervorgeht. Besonders betroffen sind demnach  Meerestiere, deren Lebensraum durch Umweltverschmutzung und Überfischung beeinträchtigt worden ist. Auch das rasante Bevölkerungswachstum und die zunehmende Verstädterung des Planeten haben sich dem Index zufolge zu Lasten der Tierwelt ausgewirkt. Der "Living Planet Index" überwacht die Bestände von 4000 Populationen in fast 1500 Arten.

Einzelne Arten wie die Grüne Meeresschildkröte in Costa Rica oder der Atlantische Lachs in Norwegen hätten sich zwar erholt. Es gebe jedoch auch Regionen, in denen es nach wie vor dramatisch aussehe, betont der WWF. Im asiatisch-pazifischen Raum ist der Index für Land- und Süßwasserarten demnach seit 1970 um über 70 Prozent gefallen. Der Jangste-Flussdelfin sei vermutlich ausgestorben.

"Eine verringerte Artenvielfalt bedeut, dass Millionen Menschen in Zukunft damit rechnen müssten, dass Nahrungsmittel anfälliger für Krankheiten sind", sagt WWF-Generaldirektor James Leape. Niemand könne den Folgen des Rückgangs entkommen, da eine geringere Biodiversität mit einer größeren Gefahr von Naturkatastrophen und stärkeren Auswirkungen des Klimawandels einhergehe.

In der kommenden Woche befasst sich die UN-Biodiversitätskonferenz in Bonn mit dem weltweiten Artensterben. Die Experten beraten über die konkrete Umsetzung der 1994 in Kraft getretenen Konvention über die biologische Vielfalt (CBD). Die beteiligten Staaten haben sich verpflichtet, bis 2010 den Verlust an biologischer Vielfalt "bedeutend" zu verringern. Der WWF nannte es in seinem Bericht allerdings "sehr unwahrscheinlich", dass die Vereinten Nationen ihre Ziele erreichen würden.

Bedeutung des Artensterbens mit "Klimawandel vergleichbar"

Kurz vor dem am Montag beginnenden Weltnaturschutzgipfel rufen Vertreter von Koalition und Opposition unterdessen zu mehr Engagement für den Schutz der biologischen Vielfalt auf. "Bonn wird noch keinen Vertragsabschluss bringen, aber hoffentlich den Weg dorthin festlegen", sagte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". "Entweder erreichen wir substanzielle Fortschritte, oder wir müssen der Weltgemeinschaft sagen, dass wir Politiker international nicht die Kraft und den Mut haben, die Konvention umzusetzen", betonte Gabriel.

Der Grünen-Bundesvorsitzende Reinhard Bütikofer sagte, das Thema der biologischen Vielfalt sei "in seiner Bedeutung mit dem Klimawandel durchaus vergleichbar". Die reichen Industrienationen müssten jährlich mindestens 30 Milliarden Euro in den Aufbau
internationaler Schutzgebiete investieren.

UN-Konferenz als "letzte Gelegenheit"

Unions-Fraktionsvize Katherina Reiche (CDU) forderte die Unterstützung der Schwellen- und Entwicklungsländer beim "nachhaltigen und verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur" auf. Die Konferenz sei die "letzte Gelegenheit", den Beschluss des Weltgipfels von Johannisburg aus dem Jahre 2002 umzusetzen, den Verlust der biologischen Vielfalt entscheidend bis 2010 zu begrenzen.

Der umweltpolitische Sprecher der Linken, Wolfgang Methling, bezeichnete die Umsetzung der UN-Konvention zur Artenvielfalt als "äußerst mangelhaft". Deutschland und Europa müssten beim Schutz der Artenvielfalt vorangehen, da sie besonders von der Natur profitierten, betonte Methling. So werde die Hälfte der hier verbrauchten Medikamente aus Pflanzen aus den gefährdeten Urwaldregionen gewonnen. (jam/AFP/ddp/dpa)

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