Naturschutzgebiet Serrahn in Mecklenburg : Leben im Wald

In ihrem Haus in Serrahn wohnt Dorothea Weber unter den Buchen, die die Unesco am Freitag zum Weltnaturerbe machen könnte.

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Ein grünes Wunder. Auch der Grumsiner Forst im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin soll Weltnaturerbe werden. Foto: Patrick Pleul/dpa
Ein grünes Wunder. Auch der Grumsiner Forst im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin soll Weltnaturerbe werden. Foto: Patrick...Foto: dpa

Neulich hat ein Dachs vor dem Küchenfenster gestanden. Im Winter füttert Dorothea Weber von dort aus Kleiber, Buchfinken und Kernbeißer. „Und auch das Damwild kommt bis zur Terrasse“, sagt die 79-Jährige. Ihr kleines überwuchertes Haus steht dort, wo es kaum Menschen gibt: Mitten im Naturschutzgebiet Serrahn in Mecklenburg, Teil des Müritz-Nationalparks. Anders als die Tiere darf Dorothea Weber den Wald hinter ihrem Gartenzaun nicht betreten. Er ist die Kernzone eines Totalreservats. Hier dürfen alle Bäume, vor allem Rotbuchen, wachsen wie sie wollen.

Es existieren nur wenige solche Wälder in Deutschland. „Aber wenn es keine Menschen gäbe, würden sie ganz Mitteleuropa bedecken. So wie hier hat es nach der letzten Eiszeit überall ausgesehen“, sagt Hendrik Fulda vom Müritz-Nationalpark. Deshalb soll der Serrahner Wald Unesco-Weltnaturerbe werden – wie die Galapagosinseln vor Ecuador und die Serengeti in Tansania. Am heutigen Freitag könnte das Welterbekomitee in Paris über den Antrag des Bundesumweltministeriums entscheiden, sagt Fulda. Der Antrag umfasst insgesamt fünf Wälder in vier Bundesländern, die alle dem Serrahner ähneln: den Nationalpark Jasmund, der ebenfalls in Mecklenburg-Vorpommern liegt, den Grumsiner Forst im Unesco-Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin in Brandenburg, den Nationalpark Hainich in Thüringen und den Nationalpark Kellerwald-Edersee. „Ein weltweit einmaliges Beispiel, wie eine Baumart sich gegenüber ihren Konkurrenten durchsetzen und auf großer Fläche dominieren kann“, heißt in einer Broschüre von den vier beteiligten Bundesländern über die Rotbuchenwälder.

Ein wenig stolz sei sie schon, an so einem besonderen Ort zu leben, sagt Dorothea Weber. Sie hat in den vergangenen 56 Jahren aber auch mit dazu beigetragen, dass der Buchenwald sich so geschützt entwickeln konnte. Obwohl sie schon so lange im Wald wohnt, sieht sie nicht aus wie eine Eremitin. Sie trägt einen silbernen Zehenring, hat lackierte Fußnägel und eine modische Kurzhaarfrisur. 1955 zog sie ins Forsthaus – als Ehefrau des Försters Hubert Weber. Wie sie ein Sudetendeutscher, war er schon 1949 in den Wald gekommen und blieb bis zu seinem Tod 1997. „Ohne meinen Mann wäre der Welt nicht so geschützt worden“, sagt Dorothea Weber. „Er hat verhindert, dass hier alles abgeholzt wurde.“

Sie sitzt auf ihrem roten Sofa im Wohnzimmer, ihr 55-Jähriger Sohn Claus Weber hat sich auf das Schaukelpferd ihrer 13 Enkel gesetzt: „In der DDR waren Monokulturen beliebt. Also wurden überall Kiefern angepflanzt. Das Holz wurde auch als Reparationszahlung an die Sowjetunion verwendet“, sagt er. Claus Weber hat sein ganzes Leben im Wald verbracht. Wie seine drei Brüder arbeitet er für den Nationalpark. Er bringt Kindern bei, was er selbst als Kind im Wald gelernt hat. Wenn seine Mutter etwas über die Geschichte des Serrahner Waldes erzählen soll, sagt sie manchmal unsicher lachend: „Claus, hilfst du mir dabei?“ Und dann legt Claus Weber los. Er erzählt wie ganz Mecklenburg im 17. Jahrhundert kahl geschlagen worden ist. Und wie der Herzog von Mecklenburg-Strelitz  Serrahn später zu seinem persönlichen Jagdrevier machte: „Bis zum ersten Weltkrieg hat er hier gejagt, aber die alte Regelung, dass deswegen hier keine reguläre Forstwirtschaft betrieben wurde, gab es noch 1949 als mein Vater herkam.“ Hubert Weber habe das Gebiet dann als Naturschutzgebiet entwickelt. Er gründetete 1953 eine biologische Forschungsstation und setzte so durch, dass der Wald zum Forschungsgebiet erklärt wurde. „Er hat über alles mögliche geforscht. Über natürliche Schädlingsbekämpfung von Kiefernspannern und Raupen durch Vögel. Und alle Vogelarten wurden hier gefangen und beringt.“ Dabei musste die ganze Familie helfen.

Ganz allein waren Webers aber nicht in Serrahn: Die biologische Station hatte Mitarbeiter, die auch im Wald wohnten, sogar ein Vietnamese schrieb hier mal seine Doktorarbeit. „Aber viele hielten es nicht lange in der Einsamkeit aus“, sagt Dorothea Weber. Sie schon. „Ich habe den Wald ganz langsam lieben gelernt.“

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