Neapel versinkt im Unrat : Prodi will umfassende Lösung der Müllkrise

Nach neuen Krawallen geht Neapels Polizei gewaltsam gegen die Mülldeponie-Gegner vor. Stadt und Region versinken seit Wochen im Abfall. Jetzt will Regierungschef Prodi einen General als "Superkommissar" nach Neapel schicken.

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Italien sucht nach Auswegen aus der Müllkrise. -Foto: dpa

Neapel/Rom Nach neuen nächtlichen Krawallen in Neapel strebt der italienische Regierungschef Romano Prodi eine rasche und umfassende Lösung der Müllkrise in der Hauptstadt Kampaniens an. In einer zweiten Krisensitzung des Kabinetts will Prodi heute ein Maßnahmenpaket schnüren, um den Abfallbergen in der Region südlich von Rom Herr zu werden. In der Nacht war es im neapolitanischen Stadtteil Pianura erneut zu Zusammenstößen von Demonstranten mit der Polizei gekommen. Die Regierung hatte zuvor bekräftigt, eine dortige Mülldeponie wiedereröffnen zu wollen. Die Anwohner befürchten aber gesundheitliche Schäden durch Dioxingase.

Bei einer ersten Krisensitzung hatte Umweltminister Alfonso Pecoraro Scanio gestern verlangt, das Militär nicht nur den stinkenden Unrat vor den Schulen in Kampanien abtransportieren zu lassen. Romano Prodi erwägt nach einem Bericht der römischen Zeitung "La Repubblica" jetzt, einen General als "Superkommissar" nach Neapel zu entsenden und die Soldaten dauerhaft einzusetzen, bis alle Müllberge beseitigt seien. In acht Mülldeponien Italiens, darunter drei des Militärs, sollte der Abfall zwischengelagert werden. Außerdem will Rom so schnell wie möglich mindestens zwei Anlagen bauen, in denen Biomasse in weiterverarbeitbare Energieträger umgewandelt wird.

Neapels Bürgermeister kritisiert Prodi

Neapel kämpft bereits seit mehr als einem Jahrzehnt immer wieder mit dem Müll, der in den vergangenen Wochen erneut nicht weggebracht werden konnte, weil Verwertungsanlagen dafür fehlen. Auch angesichts der Brandstiftungen, Besetzungen und von Demonstranten errichteten Barrikaden hatte Prodi gestern eine "Lösung innerhalb von 24 Stunden" ankündigen lassen. Die neapolitanische Bürgermeisterin Rosa Russo Iervolino warf ihm unterdessen vor, bereits seit Monaten über die üble Lage an Neapels Abfallfront informiert gewesen zu sein.

Nach dem Willen der Behörden sollen weitere zehntausende Tonnen Müll die Deponie in Pianura füllen. Das Entsorgungsproblem der Region ist damit aber längst nicht gelöst: Mehr als 100.000 Tonnen  häuften sich in den vergangenen Wochen an. Mancherorts beseitigen  Bürger den Müll eigenhändig durch offene Feuer - ungeachtet der höchst schädlichen Dämpfe.

Seit langem sind in der Region Deponien und Wiederaufbereitungsanlagen chronisch überlastet. Außerdem wurden von der örtlichen Mafia betriebene Müllhalden geschlossen. Das Geschäft mit der Müllentsorgung ist nach Ansicht von Experten nach dem Drogenschmuggel die wichtigste Einnahmequelle der Camorra, die öffentliche Gebühren für die Entsorgung unterbietet und illegale Deponien betreibt. Seit 1994 herrscht in Kampanien daher ein "Dauer-Müllnotstand". Der Staat gab bereits mehr als eine Milliarde Euro aus und ernannte acht Kommissare in Folge, um die Krise zu beizulegen - bislang jedoch ohne Erfolg. (jam/dpa/AFP)

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