Welt : Nervenkrieg in München

CHRISTOPH MEYER PATRICK T.NEUMANN

MÜNCHEN .Scharfschützen liegen bibbernd vor Kälte auf der frostigen Wiese, schwarz vermummte Spezialeinsatzkräfte hocken auf den umliegenden Dächern und vor dem Münchner Drogeriemarkt: Dort haben sich zwei maskierte Männer mit vier Geiseln verschanzt, nachdem ihr Raubüberfall am Montag morgen mißglückt war.Zeugen alarmierten die Polizei, die wenige Minuten später zur Stelle war - die nächste Dienststelle ist nur einige hundert Meter vom Tatort entfernt.Statt aufzugeben, nahmen die Gangster die vier Mitarbeiterinnen, die gerade Inventur machten, als Geiseln.

"Wir haben in München alles im Einsatz, außer der Trachtengruppe", beschreibt Polizeisprecher Ludwig Waldinger am Nachmittag den Großeinsatz.Neben Polizisten in kugelsicheren Westen und Helmen sind auch Feuerwehrleute und Sanitäter vor Ort.Der graue Novembernebel wird nur vom Blaulicht der Einsatzwagen erhellt.Die Scharfschützen werden regelmäßig abgelöst - das Zittern und die Ermüdung der Muskeln durch die Kälte erschwert das genaue Zielen.Heißer Tee wird an Einsatzkräfte und wartende Journalisten ausgeschenkt.

Nach knapp drei Stunden lassen die Täter die erste Geisel frei, rund eineinhalb Stunden später die zweite.Die Frauen, unter ihnen auch die Filialleiterin, sind unversehrt, stehen jedoch unter Schock.Die zuerst Freigelassene hatte den Tätern von ihrem kleinen Kind erzählt."Sie hat so sehr gejammert, daß die Täter sie freiließen", formuliert ein Polizeisprecher.Für Verwirrung sorgt dann die Nachricht, eine dritte Geisel sei frei.Doch die Polizei korrigiert ihre Angaben: Die Frau wollte ihre übriggebliebene Kollegin nicht im Stich lassen und blieb aus Solidarität mit ihr bei den Geiselnehmern im Laden.

Die gespenstische Ruhe im Gewerbegebiet rund um den hermetisch abgeriegelten Drogeriemarkt im Norden der Stadt wird nur durch anfahrende Einsatzfahrzeuge, das Knarren der Polizeifunkgeräte und das Surren der TV-Kameras durchbrochen.Zwei Polizeihubschrauber ziehen am Winterhimmel beständig ihre Kreise.Die Anwohner und Büroangestellten der umliegenden Häuser müssen in den Gebäuden bleiben, an den Fenstern darf sich niemand zeigen - Schußgefahr.

Forderungen der Geiselgangster werden nicht bekannt.In dem Schlecker-Markt gibt es anscheinend kein Telefon - den Männern wird nach über vier Stunden Warten ein Mobiltelefon überreicht.

Zuvor hatte die Polizei stundenlang versucht, Kontakt aufzunehmen - über Zuruf und mit Zetteln, die unter der Tür durchgeschoben wurden.

Am späten Nachmittag nehmen die Geiselnehmer Kontakt zu einem Anwalt auf, der sich nach Angaben der Polizei unverzüglich auf den Weg zum Tatort macht.Andere Forderungen hätten die Männer bislang nicht gestellt, erklärt Polizeisprecher Ludwig Waldinger am Einsatzort.Nichts deutete darauf hin, daß die Geiselnehmer die Situation eskalieren lassen wollten.Die Geiseln würden korrekt behandelt, heißt es.

Nach siebenstündigem Nervenkrieg lassen die Täter schließlich die letzten beiden Geiseln frei und ergeben sich.

Der Überfall war um 10.19 Uhr von einem Zeugen bei der Polizei gemeldet worden.Das rasche Eintreffen der ersten Polizeistreifen machte den Tätern die Flucht unmöglich.Daraufhin nahmen sie die Mitarbeiterinnen als Geiseln.

Bereits in der vergangenen Woche waren in München zwei Schlecker-Märkte von zwei unbekannten Männern überfallen worden.Es wird nicht ausgeschlossen, daß ein Zusammenhang zwischen den Taten besteht.

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