Welt : Neu macht glücklich

Nur Einkaufen hilft nicht – der Mix aus Bekanntem und Unerwartetem zählt, schreibt der Psychiater Berns

Adelheid Müller-Lissner

Was macht Menschen zufrieden? Ein großer Eisbecher oder ein neues Paar Schuhe? Nicht unbedingt, meint der amerikanische Psychiatrieprofessor und Verhaltensforscher Gregory Berns von der Emory University in Atlanta. Was uns wirklich zutiefst befriedigt, das ist die Anstrengung, die uns zu neuen Erfahrungen führt, schreibt der Glücksforscher in seinem Buch „Satisfaction. Warum nur Neues uns glücklich macht“ (Campus 2006, 332 Seiten, 24,90), das jetzt in Deutschland erscheint. Sein Fazit: „Wir finden Befriedigung weniger im Erreichen eines Ziels, sondern in der Suche selbst, denn auf jeder Suche machen wir neue Erfahrungen, und unser Gehirn verändert sich.“

Berns legte Freiwillige – auch sich selbst – in verschiedenen Versuchsanordnungen unter den „Scanner“ der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), maß Hirnbotenstoffe und Stresshormone und sondierte, was seine Kollegen herausgefunden haben. Die Ergebnisse stützen seine Vermutung, dass es vor allem die Erwartung des Neuen ist, die uns motiviert, nicht so sehr die Belohnung, die der direkte Genuss bietet. Das passt zur neuen Erkenntnis, dass der Hirnbotenstoff Dopamin schon ausgeschüttet wird, wenn eine Belohnung erst winkt, sozusagen als Ansporn, sich der Anstrengung auszusetzen.

„Das Überraschende macht Glück“, hatte Friedrich Schiller in „Don Carlos“ ganz ohne moderne Hirnforschung festgestellt. Aber wollen wir nicht oft, dass alles wohlgeordnet und kalkulierbar bleibt? Das schon, doch die Art hätte kaum überlebt, wenn der Mensch nicht auch große Lust hätte, mit Unerwartetem fertig zu werden, argumentiert der Mediziner. „So sehr wir uns nach Berechenbarkeit sehnen mögen, unser Wunsch wird durch die Tatsache vereitelt, dass wir die Welt mit anderen Menschen teilen.“ Gut also, dass Neues das Gehirn stimuliert, denn an unerwarteten Ereignissen trainieren wir unsere Vorhersagefähigkeit.

Dass Aktivität und Abwechslung empfehlenswerte Rezepte dafür sind, gute Gefühle entstehen zu lassen, hatte vor einigen Jahren schon der Wissenschaftsautor Stefan Klein in „Die Glücksformel“ festgehalten. Glück ist demnach auch das Ergebnis von Arbeit. Im „Flow“, der Konzentration auf eine Tätigkeit, die unsere Kräfte absorbiert, sind wir glücklich, meint auch der ungarische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi, dessen gleichnamiges Buch ein Bestseller ist. Er sagt: „Wir sind eine Spezies, die mit dem Hunger nach Grenzerweiterung gesegnet ist.“ Was uns weiterbringt, ist die richtige Dosis an Unerwartetem im eigentlich Bekannten. Sich darum zu bemühen, kann nach Berns’ Ansicht deshalb auch langjährige Beziehungen vor der „Tretmühle der Berechenbarkeit“ bewahren.

Berns meldete sich für einen Kreuzworträtselwettbewerb an, er aß mit Kreativköchen, die neuartig-beglückende Geschmackskombinationen auftischten, er litt mit Ultramarathonläufern in der Sierra Nevada. Und zusammen mit seiner Frau ging er sogar in ein Sado-Maso-Studio. Denn sein Interesse machte auch vor dem Verhältnis zwischen Schmerz und Befriedigung nicht Halt. „Es ist ein gutes Gefühl, kleine Mengen von Stress zu überwinden, und am besten fühlt es sich an, wenn es sich um körperlichen Stress handelt. Allerdings ist es wichtig, Kontrolle über den Schmerz zu behalten.“

Auch Geld hat offenbar größere Chancen, uns glücklich zu machen, wenn wir das Gefühl haben, es uns verdient zu haben. Es sind die Möglichkeiten, die im Geld stecken, die es so attraktiv machen, weniger der Status, den es verschafft. Denn Geld erleichtert den Zugang zu Neuem, es ist also ein Glücks-Versprechen, ein „Zwischenschritt auf dem Weg zu befriedigenden Erfahrungen“.

Deshalb mache auch Shopping nicht unbedingt glücklich: Mit jedem Kauf verschließen wir uns viele andere Möglichkeiten, vor allem bei beschränktem Budget. Der Glücksforscher rät, immer etwas auf der hohen Kante zu behalten, das erhöht die Chancen, seine Neugier auch später noch befriedigen zu können. „Möglichkeiten zu haben ist immer ein Vorteil, und Möglichkeiten zu verlieren, indem wir dieses Geld ausgeben, ein Nachteil.“

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