Welt : Neue Brücke nach Rügen: So schnell wie möglich

Robert Ide

Ein regionaler Kulturkonflikt hat immer die gleichen Rituale: die Lokalzeitungen spucken dicke Schlagzeilen, Erklärungen und Manifeste regnen auf die Bürger nieder, auf öffentlichen Veranstaltungen brüllen sich die Kontrahenten an. An der Ostsee schlagen derzeit die Wellen hoch. Grund ist eine Brücke, die noch nicht gebaut ist. Zehn Meter breit und fünf Kilometer lang soll sie werden und die Urlaubsinsel Rügen mit der neuen Ostsee-Autobahn verbinden. Denn der alte, zweispurige Rügendamm ist überlastet. Seit Monaten streiten die Küstenbewohner um das Aussehen des Bauwerks: Soll eine zweite Parallelbrücke gebaut werden? Oder kann der alte Damm ein zweites Stockwerk bekommen? Umweltschützer sagen: Rügen braucht keine neue Brücke.

Der alte Rügendamm ist ein Nadelöhr. Im Sommer quälen sich täglich bis zu 18 000 Fahrzeuge durch den Stau, die Stadt Stralsund ist völlig verstopft. Bis zu 15 Kilometer Länge erreicht der Stau an Sommer-Wochenenden, eine Fahrt von Stralsund in die Inselstadt Bergen dauert bis zu zwei Stunden. Schneller gehts nur mit der Bahn, die auf dem alten Damm neben der Straße fährt. "Wir brauchen eine leistungsfähige Verkehrsachse", sagt Volker Kock von der Straßenplanungsgesellschaft "Deges". Er will im Auftrag des Bundes und des Landes Mecklenburg-Vorpommern die zweite Straße durchsetzen. Unter einer leistungsfähigen Verkehrsachse versteht Kock eine zweite Brücke, im Abstand von 80 Metern neben der ersten. Kosten: 180 Millionen Mark, Fertigstellung: "so schnell wie möglich".

Doch inzwischen regen sich massive Widerstände. "Wir brauchen keine einfache Brücke, sondern ein umfassendes Gesamtkunstwerk", fordert etwa Yadegar Azizi. Der Berliner Architekt, der teilweise auf Rügen wohnt, bastelt seit zwei Jahren an einem Gegenentwurf. Azizi will eine Doppelstockbrücke bauen, mit einem markanten Pylon als Wahrzeichen. Am Brückenrand sollen kleine Geschäfte und Restaurants entstehen. Azizis Wunsch ist eine "Erlebnisbrücke" auch für Fußgänger, ein neues Wahrzeichen für die Insel.

Die "Deges" winkt bei diesen Plänen ab. "Die Vorschläge sind unseriös und nicht durchdacht", sagt Christian Lippold, zuständiger Planer für die Rügenanbindung. Lippold befürchtet Unwägbarkeiten beim Bau eines zweiten Stockwerks. Am alten Damm - erbaut in der dreißiger Jahren - würden Risse entstehen, Fahrbahn und Schienen könnten brechen. Zudem seinen die Kosten nicht kalkuliert. "Auf ein altes Haus kann ich auch nicht einfach ein zweites Stockwerk bauen", sagt Lippold.

Die "Deges"-Planer machen Druck. Sie haben sich vorgenommen, die zweite Brücke in fünf Jahren zu eröffnen. Im Januar soll das Planfeststellungsverfahren für das Projekt eingeleitet werden. Dann wird nur noch über die Parallel-Variante der "Deges" diskutiert. Vor Ort sorgt die Terminhatz für Unmut. Ingolf Donig, Bürgermeister der Rügen-Gemeinde Altefähr, zürnt: "Wenn das Planfesstellungsverfahren beginnt, sind alle Messen gesungen." Der SPD-Lokalpolitiker hofft auf Hilfe aus Berlin. Ein vereinbartes Treffen mit dem Ost-Staatsminister der Bunderegierung, Rolf Schwanitz (SPD), scheiterte jedoch kurzfristig.

Die Brücke wird mehr und mehr zum Politikum. Nahezu alle Parteien vor Ort befürworten einen zweiten Rügendamm, weil sie sich einen wirtschaftlichen Aufschwung erhoffen. Auf Rügen sind durch Hotelbauten neue Bettenkapazitäten geschaffen worden, die genutzt werden müssen. Auch der Fährhafen in Sassnitz/Mukran erwartet mehr Aufträge durch eine neue Straße. Die Befürworter spüren Oberwasser. Im Bundesverkehrswegeplan ist die Strecke von Stralsund nach Bergen bereits vierspurig ausgewiesen.

Doch Umweltschützer stellen sich den Plänen in den Weg. "Dem Autoverkehr wird Tür und Tor geöffnet", klagt Marlies Preller vom Naturschutzbund Rügen, "so wird die ganze Insel verstopft". Rügen sei bekannt für unberührte Natur, nicht für Massentourismus. "Mit einem zweiten Rügendamm gehts hier in Richtung Mallorca", sagt Preller. Sie will lieber den öffentlichen Nahverkehr ausbauen und die alte Strecke beschleunigen, etwa durch den Abbau von Ampelanlagen. Die "Deges" hält das jedoch für unzureichend. Angesichts des Baus der neuen Ostseeautobahn A 20 sagt sie mehr Verkehr für die Küste voraus. Für die Jahre 2010 bis 2015 gehen die "Deges"-Planer von täglich 30 000 Fahrzeugen auf dem Rügendamm aus - fast doppelt so viele wie heute.

Abseits des erbitterten Streits um Architektur und Verkehrsaufkommen gerät ein Punkt fast in Vergessenheit: die zukünftige Mautgebühr für die neue Brücke. Nach vorliegenden Planungen soll ein privater Investor die Hälfte der Baukosten finanzieren. Im Gegenzug erhält er das Recht, 30 Jahre lang eine Nutzungsgebühr für Auto- und Lkw-Fahrer zu erheben. Über die Höhe der Abgabe wird derzeit in Stralsund und Umgebung nur spekuliert, im Raum stehen Preise von bis zu fünf Mark pro Überfahrt. Die "Deges" verspricht jedoch, dass der alte Rügendamm weiterhin kostenlos befahrbar sein soll.

In einem sind sich die Kontrahenten an der Ostsee immerhin einig. Alle bewerten den zweiten Rügendamm als "Jahrhundertprojekt". Und dafür lohnt sich ein handfester Konflikt.

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