Neue Salbe : Hoffnung für Hautkranke

Eine neue Salbe soll Neurodermitis-Patienten helfen. Eine Revolution? Viele Experten sehen das Produkt skeptisch.

Roland Knauer

Patienten mit den Hautkrankheiten Neurodermitis und Schuppenflechte greifen oft nach jedem Strohhalm, weil herkömmliche Medikamente und Therapien ihr Leiden zwar lindern, aber nicht heilen können. Der jüngste dieser Strohhalme heißt Regividerm und ist eine rosafarbene Salbe, die Vitamin B12 und Avocadoöl enthält. Am Montag stellte ein WDR-Film dieses Mittel einer breiten Öffentlichkeit vor, seither stehen bei vielen Hautärzten die Telefone nicht mehr still. Bahnt sich eine Revolution in der Behandlung zweier Hautkrankheiten an, wenn Regividerm ab dem Spätherbst verkauft werden soll? Schließlich leiden etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland an Neurodermitis, zwei Millionen an Schuppenflechte. Entsprechend groß ist das Interesse an Neuentwicklungen bei den Patienten und auch der Pharmaindustrie.

Die neue Salbe soll 28,85 Euro pro 100-Gramm-Tube kosten. Kritiker meinen, der zeitliche Zusammenhang zwischen der Filmausstrahlung und dem Verkaufsstart vier Wochen später sei doch „sehr bedenklich“. Der Neurodermitis- Bund kritisierte, die beiden unheilbaren Hautkrankheiten werde auch die neue Salbe nicht heilen, schon gar nicht nebenwirkungsfrei. Dies zu behaupten, sei zynisch.

Auch Horst Frank von einer großen Würzburger Dermatologie-Gemeinschaftspraxis ist skeptisch: „Wir wissen über dieses Mittel praktisch nichts.“ Es geht wohl vielen seiner Kollegen ähnlich, weil entsprechende Studien fehlen. Am Maria-Hilf-Krankenhaus in Bochum hat zwar Markus Stücker bereits im Jahr 2004 die Salbe an 48 Patienten mit guten Ergebnissen getestet, viel mehr ist über ihre Wirksamkeit aber nicht bekannt. Gute Studien sehen anders aus und müssten an viel mehr Patienten durchgeführt werden. Solche Studien sind vor allem deshalb sehr schwierig, weil bei Krankheiten wie Schuppenflechte und Neurodermitis die Wirksamkeit eines Medikamentes sehr stark davon abhängt, ob der Patient an dieses Mittel glaubt. Psychologie ist also ein entscheidender Faktor.

Dermatologe Frank erklärt den Hintergrund seiner Skepsis: „Neurodermitis und Schuppenflechte sind zwei völlig unterschiedliche Krankheiten.“ Da würde es schon sehr verwundern, wenn ein Mittel gegen beide Leiden gleichermaßen wirkt. Ein Blick auf den Wirkstoff Vitamin B12 verstärkt die Skepsis. Die Substanz neutralisiert den wichtigen Botenstoff Stickoxid. Dieser wiederum spielt eine zentrale Rolle bei Entzündungsreaktionen, wie sie nicht nur bei Schuppenflechte, sondern auch bei vielen anderen Krankheiten auftreten. Der Hauptwirkstoff lindert also die Symptome, beseitigt aber nicht die Krankheitsursache. Sobald die Salbe abgesetzt wird, werden die Beschwerden wieder auftreten. mit dpa

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