Welt : Neue und bessere Tests zur Krebs-Früherkennung

JUSTIN WESTHOFF

Forscher sind optimistisch / Weitere Untersuchungen gefordertVON JUSTIN WESTHOFF BERLIN/DALLAS.Gleich zwei verschiedene Forscher-Teams haben jetzt Tests angekündigt, mit denen Krebs einfacher, sicherer und frühzeitiger als bisher entdeckt und somit chancenreicher behandelt werden könne.Eine deutsche Arbeitsgruppe aus Universitätsmedizinern und einem neugegründeten Biotechnik-Unternehmen stellte gestern in Berlin ihren zum Patent angemeldeten Test auf Leberkrebs vor, der bisher meist nur diagnostiziert wird, wenn es für eine Therapie zu spät ist.Texanische Wissenschaftler haben ihre Technik zunächst bei Brust- und Prostatakrebs probiert.Befragte Experten erklärten gegenüber dem Tagesspiegel, die neuen Methoden seien durchaus vielversprechend, warnten aber vor übertriebenen Hoffnungen. Das deutsche Testverfahren wird von der Forschungsfirma "BioGenes" vermarktet, die im "Innovationspark Wuhlheide" ansässig ist.Es basiert auf der Sichtbarmachung von Alpha-Feto-Proteinen (AFP), die zu der Gruppe der Tumormarker gehören.Diese körpereigenen Stoffe treten zum Beispiel während der Schwangerschaft, aber auch bei bestimmten Krebsarten vermehrt auf.Sie sind seit langem bekannt und auch labortechisch nachweisbar. Die Neuigkeit besteht darin, daß es der Firma in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus der Berliner Charité sowie dem Universitätsklinikum München-Großhadern gelungen ist, "gutes" von "bösem" AFP zu unterscheiden: In den Zuckerketten der Substanz findet sich dann ein zusätzliches Einfachzucker-Molkekül namens Fucose, wenn es von Krebszellen stammt. Den Versuch, den Unterschied zwischen "gesundem" und "krankhaftem" AFP für die Krebsdiagnostik zu nutzen, haben japanische Wissenschaftler bereits vor einigen Jahren unternommen.Der von ihnen entwickelte Test ist jedoch nach Aussagen von Laborärzten "in Vergessenheit geraten", weil er zu zeitaufwendig und teuer für Massenuntersuchungen wäre.BioGenes hingegen ist es - mit Unterstützung des Bundesforschungsministeriums - gelungen, mit einem Routineverfahren ("Elisa-Test") innerhalb von zwei Stunden 96 Proben gleichzeitig zu untersuchen.Die Kosten pro Patient betragen so nur wenige Mark.Nach Angaben eines Sprechers der Firma gegenüber dem Tagesspiegel kann die neue Technik routinemäßig angewendet werden und ist "hundertprozentig sicher".Auf diese Weise sei es möglich, Leberzellkrebs frühzeitig zu erkennen.In der Tat ist die Krankheit gefürchtet, weil sie bislang meist nur in fortgeschrittenen Stadien erkannt wird.Dennoch beharren befragte Experten darauf, den Test solle zunächst bei mehr Patienten und auch von anderen Wissenschaftlern geprüft werden. Vergleichbares gilt auch für das amerikanische Verfahren.Es wurde von dem Mikrobiologen Jonathan W.Uhr gemeinsam mit Medizinern der Universität Texas in Dallas entwickelt.Die Arbeit wurde jetzt in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht.Die Forscher gingen von der unterdessen bestätigten Vermutung aus, daß Tumoren unter anderem auch Zellen produzieren, die normalerweise auf den Oberflächen von Geweben und auf der Haut, aber kaum im Blut zu finden sind.Die Forscher verwendeten eine bereits bekannte Technik, um Epithelzellen erstmals im Blut nachzuweisen: Sie beschichteten kleine Eisenpartikel mit Antikörpern, jenen Molekülen, die unter anderem auf Krankheitserreger - Antigene - reagieren.Die "magnetisch" gemachten Stoffe des Immunsystems konnten nun Epithelzellen aus dem Blut "fischen", die von Tumoren schon im Frühstadium der Entwicklung abgesondert werden. Die Technik wurde zunächst bei 30 Patienten angewendet.Es stellte sich heraus, daß der Test eine einzige Epithelzelle und weniger in einem Milliliter Blut erkennt und daß bei Krebspatienten sehr viel mehr dieser Zellen im Blut zirkulieren als bei gesunden Kontrollpersonen. Sowohl das erstmalige Auftreten von Brust- und Prostatakrebs als auch etwaige Rückfälle können so in einer sehr frühen Phase erkannt und rechtzeitig therapiert werden.Die Zuverlässigkeit des Verfahrens soll nun auch bei anderen Krebsarten untersucht werden. Gegenüber dem Tagesspiegel meinte Professor Rudolf Tauber, Leiter des Instituts für klinische Chemie und Pathobiochemie am Universitätsklinikum Benjamin Franklin der FU, die beteiligten Institute seien als seriös bekannt.Es handele sich um einen von mehreren Ansätzen, Krebszellen im Blut nachzuweisen.Die Grundlagen dafür wurden übrigens maßgeblich von dem Münchner Immunologen Gerd Riethmüller geschaffen.Tauber erklärte, zwar hätten sich schon einige Bluttests auf Krebs im Nachhinein als nicht praktikabel herausgestellt, doch die jetzt vorgestellte Methode aus den Vereinigten Staaten sei vielversprechend.Indessen müsse sie erst an mehr Patienten und auch durch weitere Forschergruppen geprüft werden.

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