Welt : Neue Väter: Heule nur, Papa!

Nora Damme

Auf der Leinwand hat es Arnold Schwarzenegger vorgemacht: Erst sein Schützling, der kleine John Conner, brachte den Terminator dazu, Gefühle zu entwickeln. Doch während es ihm nicht gelang, für das Kind aus seiner harten Roboterhaut zu fahren, entdecken immer mehr junge Väter ihre Mutterqualitäten.

Der "lonesome Cowboy" hat ausgedient. Statt des leistungsorientierten Mannes, der verschlossen und emotionslos seine Entscheidungen trifft, sind die "neuen Väter" im Kommen. Deutlich gefühlsbetonter als ihre Vätergeneration beschränken sie sich nicht nur auf die Rolle als Erzeuger, Ernährer und Entscheider. Selbstverständlich schieben sie Kinderwagen, wechseln Windeln und backen Sandkuchen. Der Besuch eines Geburtsvorbereitungskuses gehört ebenso zum guten Ton wie die Unterstützung im Kreissaal.

Fast jeder Fünfte hat sich mittlerweile vom traditionellen Männerbild verabschiedet. Das ergab eine Studie im Auftrag der katholischen und der evangelischen Kirche. Diese neuen Männer sind kooperativer, sie sprechen über ihre Gefühle, wollen aktive Väter sein und akzeptieren eine gleichgestellte Partnerin. Das macht sie nicht nur zufriedener mit sich selbst. Im Beruf sind die sogenannten soft skills gefragter denn je. Verantwortungsbewusstsein, Einfühlsamkeit und Geduld lernt man besser am heimischen Frühstückstisch als in teuren Seminaren.

Wie der Vater, so der Sohn

Doch auch die Söhne profitieren von den Fähigkeiten der neuen Väter. "Sie identifizieren sich sehr stark über das männliche Elternteil", sagt die Psychotherapeutin Magda Kreckel. Während der Papa bis zum 12. Lebensjahr oft der Größte ist, stellen sie ihn danach zunehmend in Frage. Ein übermächtiger Vater, der durch vorgetäuschte Stärke seine Schwächen zu überdecken versucht, vermittele dem Kind nicht die Fähigkeit, Konflikte zu lösen. "Nur, wenn der Vater sich zu eigenen Schwächen bekennt, lernt der Sohn mit den eigenen umzugehen", berichtet Kreckel von den Erfahrungen in ihrer Praxis in Halle. Viele schizophrene Patienten hätten in ihrer Kindheit unter einem pseudo-souveränen Vater gelitten. Söhne zeigten sechsmal häufiger Verhaltensauffälligkeiten als Töchter. Ihre Forschungsergebnisse hat sie in dem Buch "Macht der Väter - Krankheit der Söhne" veröffentlicht.

Den Vätern rät sie, sich viel Zeit für den Nachwuchs zu nehmen und sich nicht als "Meister" zu begreifen. Wenn sich der Sohn am Computer besser auskennt, könne der Vater ruhig mal nachfragen. "Und wenn das Zeugnis des Kindes hätte besser sein können, hilft oft ein Blick zurück in die eigene Schulzeit", sagt Kreckel. Absolut antiautoritärer Erziehung steht sie jedoch kritisch gegenüber: "Kinder wollen Eltern, gegen die sie kämpfen können, ohne zu zerbrechen."

Neue Männer, alte Muster

Doch obwohl die befragten Männer meist angaben, die Familie sei ihnen das Wichtigste, sind die Aufgaben klar geteilt: Die Männer sahen sich in erster Linie für die Existenzsicherung, notwendige Entscheidungen und die Zukunftsplanung zuständig, während sie von ihren Frauen Gemütlichkeit, Beziehungsarbeit und das Sprechen über Probleme erwarteten. Der Anteil der Männer im Erziehungsurlaub ist verschwindend gering. Die Mehrheit sieht ihre Aufgabe im Brötchen-Verdienen.

"Einen wirklichen Rollenwechsel gibt es nicht", sagt der Familiensoziologe Hans Bertram. Zwar sei die Bereitschaft bei den jungen Männern gestiegen, sich um die Familie zu kümmern. Doch oft schon nach kurzer Zeit setzten sich alte Beziehungsmuster durch. Obwohl die klassische Versorgerehe tot sei, "entzieht sich der innerfamiliäre Bereich dem Wandel", hat Bertram festgestellt.

Junge Väter arbeiten vergleichsweise sogar mehr, während die Frauen den Großteil der Famlienarbeit übernehmen. "Im Grunde ist das gerecht verteilt aber eben nach altem Vorbild", meint der Soziologieprofessor von der Humbold-Universität Berlin. "Das liegt aber keineswegs an der Bösartigkeit der Männer, sie haben einfach nicht die Wahl." Väter verdienen allerdings oft mehr. Ob sie auch bei einer beruflich erfolgreicheren Frau bereit wären, sich ums Kind zu kümmern, bleibt fraglich. "Dass Kinder auch eine Investition in die Zukunft sind, ist in den Köpfen noch nicht angekommen," bedauert Bertram. Dabei achten mittlerweile selbst Firmen bei ihren Bewerbern darauf, ob sie eine Familie haben. Sozialkompetenzen, die man von Frauen jeher erwartet hat, werden auch bei Männern gerne gesehen. Man könne nur hoffen, meint Familienforscher Bertram, dass die Söhne von heute ein neues Männlichkeitsbild bei ihren Vätern erleben und übernehmen. Doch auch die alten Chauvis sind gefragt: Für eine Karriere als "Neuer Großvater" ist es nie zu spät.

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