Neuer Bond : Sing mir das Lied vom Krieg

Die Dreharbeiten zu dem neuen James-Bond-Film lassen in Südamerika die Gefühle hochkochen – wegen eines alten Konflikts.

Andreas Conrad
Bond Foto: AFP
Steiler Aufstieg. Im neuen Bond hetzt Daniel Craig als 007 durch die Atacama-Wüste. -Foto: AFP

Auch für geübte Reimkünstler bleibt der Titel des nächsten James-Bond-Films eine Herausforderung: „Quantum of Solace“. Im Deutschen kein Problem: „Ein Maß an Trost“, dazu passen „stoßt“, „tost“, „liebkost“ – oder gar ein herzliches „Prost“. Im Englischen gerät selbst ein geübter Verseschmied wie Paul McCartney an Grenzen, der schon bekannte, ihm falle zu „Solace“ nur „Wallace“ ein, und Amy Winehouse den Tipp gab, es beim Schreiben des neuen Bond-Titelsongs gar nicht erst mit Reimerei zu versuchen.

Nun haben sich also die monatelangen Gerüchte um den Beitrag der Musikerin zum neuen 007-Abenteuer zur Nachricht verfestigt. Anfangs spukte Amy sogar als Bond-Girl durchs Internet, wurde dann als Song-Interpretin gehandelt, was nach ihren Drogeneskapaden widerrufen und nun doch wieder bestätigt wurde. Und auch schreiben soll sie das Titelstück, gemeinsam mit Produzent Mark Ronson. Die beiden haben sich dazu angeblich bereits in dessen Haus zurückgezogen.

Hilfreich war sicher, dass es – anders als in „Live and Let Die“, dessen Titelsong Paul McCartney schrieb und sang – in „Quantum of Solace“ nicht um Drogen geht. Genügend Reibungspunkte zwischen Film und Realität bietet das Script dennoch. Das zeigt schon der Ärger um die Dreharbeiten in Südamerika, wo das Team um Regisseur Marc Forster und Hauptdarsteller Daniel Craig, wie kurz berichtet, erst chilenische, dann bolivianische Empfindlichkeiten überreizte.

Es begann Ende März, als Carlos López, Bürgermeister von Sierra Gorda, eines Kaffs nahe der nordchilenischen Atacamawüste, mit seinem Jeep aufs nahe 007-Set raste und fast zwei Statisten überrollte, Höhepunkt des Protests einer kleinen Demonstrantenschar, die er gegen Bond & Co. ins Feld geführt hatte. Nach der Festnahme erklärte er, die Filmarbeiten störten das öffentliche Leben, die Bewohner litten unter den Absperrungen. Allerdings hatte man an einem stillgelegten Bahnhof gedreht. So war Auslöser seiner Wut wohl eher, dass die Dreharbeiten auf ehemals bolivianischem, zwischen den beiden Andenstaaten umstrittenem Territorium stattfanden, das zudem Bolivien darstellen sollte und entsprechend dekoriert war – zu viel für einen chilenischen Nationalisten.

Der Gegenschlag ließ nicht lange auf sich warten. Nun fühlte sich das Nachbarland in seiner patriotischen Ehre getroffen. „Die Stigmatisierung Boliviens und der Bolivianer als Land des Drogenhandels ist besorgniserregend“, so verurteilte Pablo Groux, Boliviens Vizeminister für Kultur, in einem Schreiben an Bond-Produzent Michael Wilson und Regisseur Forster die „Quantum of Solace“-Story. „Den Film werden abertausende, Millionen Menschen sehen, und dieses Stigma wird im kollektiven Gedächtnis der Leute hängen bleiben.“ Auch der Minister, nebenamtlich Direktor des Nationalen Bolivianischen Kinorates, monierte die Dreharbeiten auf chilenischem, vormals bolivianischem Gebiet – und verwies auf die erstklassigen Bedingungen, die sein Land internationalen Filmproduktionen biete.

Bond löste damit nicht das erste Mal patriotische Empörung aus. Schon gegen „Stirb an einem anderen Tag“ hatte es Proteste gegeben, aus Nordkorea, das darin eine „schmutzige und verwünschte Posse“ sah, die „das koreanische Volk beleidige“. Auch „Drachenläufer“, Forsters voriger Film, zog politischen Wirbel nach sich. Die jungen afghanischen Darsteller wurden zu ihrer Sicherheit aus der Heimat ausgeflogen, den Film ließ Afghanistans Regierung gar nicht erst in die Kinos.

Wenngleich der Streit um den nordchilenischen Drehort dem Bond-Projekt auch hoch erwünschte internationale Aufmerksamkeit sichert, hat sich der Deutschschweizer Regisseur damit doch in ein Wespennest gesetzt, und Daniel Craig muss auf brüchigem Boden agieren, unter dem ein seit über einem Jahrhundert währender Konflikt glimmt. Seinen Ursprung nahm er im Salpeterkrieg, der zwischen 1879 und 1884 zwischen Chile auf der einen, Bolivien und Peru auf der anderen Seite tobte und innerhalb dessen Bolivien die an Bodenschätzen reiche Küstenregion um Antofagasta samt Atacamawüste verlor und damit den Zugang zum Meer.

Der Konflikt entzündete sich an den reichen Nitratvorkommen der Region, wichtig für die Herstellung von Düngemitteln wie Sprengstoffen. Die Lagerstätten befanden sich auf bolivianischem Gebiet, die dort dominierenden chilenischen Firmen genossen jedoch Steuerfreiheit für 25 Jahre, darauf hatten sich die Regierungen geeinigt. Unter anderem durch ein Seebeben in Finanznot geraten, wollte Bolivien davon nichts mehr wissen, enteignete die chilenischen Firmen – für die Regierung in Santiago de Chile Auslöser, gegen den Nachbarn und das mit ihm verbündete Peru in den Krieg zu ziehen.

Gegen die straff organisierte chilenische Armee und Marine vermochten die bolivianischen und peruanischen Truppen nicht zu bestehen. Es kam zu blutigen See- und Landgefechten mit 14 000 Toten. Im Friedensvertrag von 1884 wurde Bolivien Binnenland, allerdings bei zollfreiem Zugang zu den nun chilenischen Häfen. Die Salpetervorkommen verloren bald ihre Bedeutung, heute wird vor allem Kupfer abgebaut. Der Gebietsverlust ist seither ein permanenter Streitpunkt zwischen den beiden Nachbarstaaten, die nur konsularische, keine diplomatischen Beziehungen unterhalten. Auch wird die Erinnerung an die Siege und Niederlagen des Krieges durch allerlei martialische Monumente in der Region wachgehalten.

Verglichen mit der Aufregung um den Drehort gab es um Bonds Fuhrpark bislang wenig Wirbel, trotz des Verkaufs seiner traditionellen Marke Aston Martin durch Ford.

Bond wird auch diesmal wie in „Casino Royale“ einen DBS steuern, dazu erneut einen Ford – den neuen Ka. Eines der kleinsten Autos, hinter dessen Lenkrad sich der Geheimagent je zwängen musste, doch egal: Selbst in einer Ente ist er jedem Gegner entkommen.

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