Welt : Neuer Prozeß für Diplomatensohn

ROBERT RIMSCHA

Der Deutsche Jens Söring war in den USA wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wordenVON ROBERT VON RIMSCHA WASHINGTON.Der deutsche Diplomatensohn Jens Söring, der seit 1990 im US-Bundesstaat Virginia zwei lebenslange Freiheitsstrafen wegen Doppelmordes absitzt, erhält einen neuen Prozeß.Dies sagte Sörings Anwältin, Gail Marshall, am Mittwoch dem Tagesspiegel.Söring war in einem spektakulären Indizienprozeß verurteilt worden, der wegen der engen Verflechtung der örtlichen Justiz mit den Mordopfern heftig kritisiert worden war. Söring und seine damalige Freundin Elizabeth Haysom sollen deren Eltern, ein britisch-südafrikanisches Millionärspaar, im März 1985 ermordet haben, weil diese gegen die Beziehung der beiden Erstsemester waren.Die Tatwaffe, ein Messer, wurde nie gefunden; Tatzeugen gibt es keine.Im Oktober 1985, sieben Monate nach dem Doppelmord, sagte der ermittelnde Beamte bei einer Vernehmung, die auf Band aufgenommen wurde, zu Söring, er sei sich zu 99 Prozent sicher, daß Söring an der Tat nicht beteiligt gewesen sei."Warum überwinden Sie sich nicht und arbeiten 100prozentig mit uns zusammen? Sie wissen, daß Sie es nicht getan haben!" Wenige Tage später setzten sich Elizabeth Haysom und Jens Söring nach England ab.Sie nahmen neue Namen an und wurden 1986 wegen Scheckbetrugs verhaftet.Söring, damals 19 Jahre alt, wurde nach mehrjährigem Kampf gegen eine Auslieferung schließlich in die USA überstellt, nachdem ihm zugesichert worden war, daß die Staatsanwaltschaft nicht die Todesstrafe beantragen würde. Der britischen Polizei gegenüber sagte Elizabeth Haysom: "Ich habe es selbst getan.Ich habe es hinter mich gebracht." Bei ihrem Prozeß in Virginia widerrief sie diese Aussage.1987 bekannte sie sich "schuldig", die Tat angestiftet und geplant, aber nicht ausgeführt zu haben.Söring sei der Täter, sagte sie.Haysom sitzt eine 90jährige Gefängnisstrafe in der Nähe von Richmond ab. Zu den Ungereimtheiten in dem Indizienprozeß gegen Söring, über den der Tagesspiegel ausführlich berichtet hatte, gehörten nicht eingebrachte eidesstattliche Aussagen von Kripobeamten und eventuell falsch identifizierte Schuh- und Blutspuren. Sörings damaliger Anwalt hatte sich selbst später als wegen psychischer Probleme nicht arbeitsfähig bezeichnet.Der Richter, ein Freund der Opfer, hatte am Tag des Prozeßbeginns in einem Zeitungs-Interview gesagt, er halte den Angeklagten Söring für schuldig, einen Befangenheitsantrag aber abgelehnt. In einem Beschluß des Obersten Gerichtshofes von Virginia vom Montag dieser Woche heißt es, daß das zuvor zuständige Oberlandesgericht irrte, als es ein Revisionsverfahren nicht zuließ."Entlastende Beweise wurden nicht zur Verteidigung herangezogen", schreiben die höchsten Richter Virginias."Das Oberlandesgericht irrte, als es urteilte, die nicht berücksichtigten, entlastenden Beweise wären beim Strafprozeß ohnedies nicht zulässig gewesen", heißt es in dem Beschluß, der dem Tagesspiegel vorliegt. Marshall, eine der prominentesten Anwältinnen Virginias und früher Vize-Justizministerin des Bundesstaates, nannte die Entscheidung des Obersten Gerichts Virginias "überraschend schnell, sehr erfreulich und sehr bedeutsam für uns".Söring hatte die Tat zunächst gestanden, später aber stets seine Unschuld beteuert und angegeben, er habe lediglich seine Freundin, die er als die Täterin bezeichnet, vor dem elektrischen Stuhl bewahren wollen.

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