Welt : Neues Flugkonzept: Fliegende Rochen am Firmament

Rainer W. During

Während die europäische Airbus Industrie den Bau des neuen Großraumjets A380 vorbereitet, sucht der US-Rivale Boeing noch Kunden für seine Konkurrenz-Familie 747X. Doch beiderseits des Atlantiks wird schon an der nächsten Generation von Verkehrsflugzeugen gearbeitet. Dabei ähnelt der Jet der Zukunft mehr einem fliegenden Rochen als einem Jumbo.

Die beiden Marktführer setzen auf Entwürfe, bei denen auf die klassische Trennung von Rumpf und Tragfläche verzichtet wird. Dabei scheinen die Amerikaner die Nase vorn zu haben. Wenn es der Wettbewerb erforderlich mache, könnte der Nurflügler bereits in acht Jahren an den Start gehen, heisst es dort. Die Luftfahrtindustrie greift dabei auf eine revolutionäre, aber dennoch 90 Jahre alte Idee zurück.

Bereits 1910 hatte der deutsche Flugzeugkonstrukteur Hugo Junkers - Vater der legendären "Tante Ju" - die aerodynamischen Vorteile entdeckt und unter der Nummer 253 788 das Patent für ein Nurflügel-Grossflugzeug angemeldet. 20 Jahre später präsentierte er den nie realisierten Entwurf für einen zehnmotorigen Nurflügler mit 80 Metern Spannweite, der 100 Passagiere über den Atlantik befördern sollte. In den USA entwickelte Jack Northrop verschiedene Nurflügelbomber, aus denen auch Passagierversionen abgeleitet werden sollten. Der erste von sechs Prototypen startete 1946, sieben Jahre später wurden die Arbeiten mangels Interesses der US Air Force eingestellt. Bei den Militärs lebte das Konzept dann in den 80er Jahren mit dem Tarnkappenbomber Northrop B-2 wieder auf.

Im zivilen Bereich arbeitet in den USA seit zehn Jahren ein Team von Wissenschaftlern der Luftfahrtindustrie, der NASA und verschiedener Universitäten am Blended Wing Body (BWB zu deutsch "Verschmolzener Flügel-Rumpf"). Auf dem El Mirage-Trockensee in der kalifornischen Wüste startete bereits 1997 ein von der Stanford University gebautes Modell mit fünf Metern Spannweite zu Testflügen. Ein fast doppelt so großer Erprobungsträger soll in Kürze folgen. Künftige Boeing 747-Varianten sind für bis zu 660 Passagiere ausgelegt. Der Airbus A380 fasst maximal 800 Reisende, die er dann aber nur über kürzere Strecken befördern kann. Der BWB soll die gleiche Zahl an Fluggästen über 13 000 Kilometer transportieren. Auch hier erfolgt die Unterbringung in zwei Etagen.

Videobildschirme in jedem Sitz sollen die Fluggäste davon ablenken, dass es kaum Fensterplätze geben wird. Als Antrieb sind drei auf dem Heck angebrachte Düsentriebwerke vorgesehen. Vom Design versprechen sich die Konstrukteure eine um zehn Prozent verbesserte, aerodynamische Effizienz, ein um 25 Prozent geringeres Startgewicht und einen ebenfalls um 25 Prozent niedrigeren Triebwerksschub im Vergleich zu herkömmlichen Jets. Vorläufige Studien lassen bei Kraftstoffverbrauch, Schadstoffemissionen und Betriebskosten jeweils eine Reduzierung um mindestens ein Drittel erwarten. Während Luftverkehrsgesellschaften von der Wirtschaftlichkeit profitieren, werden Flughäfen vom Blended Wing Body - sollte er realisiert werden - vor gewaltige Probleme gestellt werden. Wird der A380 mit seinen 79,8 Metern Spannweite schon nicht mehr an jedem Terminal andocken können, legt der Nurflüglern mit 88 Metern noch einmal deutlich zu.

Doch so recht will man bei dem europäischen Konsortium wohl noch nicht zu dieser Zukunftsperspektive stehen. Bei der Airbus Industrie selbst winkt man ab und auch beim deutschen Teil des Hauptgesellschafters, EADS Airbus in Hamburg, zuckt man die Schultern. Zuständig seien die französischen Partner in Toulouse, die einst als Aerospatiale firmierten. Dort zieht man es vor, Anfragen in Sachen Nurflügler überhaupt nicht zu beantworten. Erst in 20 bis 30 Jahren, so verlautet, könnte das Thema für Airbus akut werden. Bleibt es bei dieser Haltung, werden die Europäer wohl das Nachsehen haben.

Bei Boeing wird das Jahr 2015 angepeilt. Werde aufs Tempo gedrückt, könnte der Prototyp auch schon 2009 in der Luft sein, sagte BWB-Projektleiter Robert Liebeck der Los Angeles Times. Das wäre nur drei Jahre nach der Auslieferung des ersten A380.

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