Neuinterpretation : Sissi ohne Kitsch

Eine internationale Koproduktion verfilmt den Klassiker für das ZDF neu – mit der Kaiserin als Rebellin.

Senta Krasser[Wien]
Sissi
Schmachten erlaubt. -Foto: ZDF/Berger

Ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, bis sich nun mit dem Wiener Xaver Schwarzenberger ein Regisseur an eine Neuinterpretation traut. Bis Juli entsteht in Wien, Bayern, Italien und Ungarn ein international koproduzierter Zweiteiler fürs ZDF-Weihnachtsprogramm mit David Rott als Kaiser Franz Joseph und Martina Gedeck als dessen Mutter Erzherzogin Sophie. Als Sissi hat sich Schwarzenberger die hierzulande unbekannte Italienerin Cristiana Capotondi ausgesucht; mit der von Romy Schneider gespielten pausbäckigen 50er-Jahre-Sissi hat die 29-jährige Schönheit bis auf die grau-grünen Augen nichts gemein. Das ist gewollt. Denn bei diesem Elf-Millionen-Euro-Projekt soll es um nichts weniger gehen, als die Lady Di des 19. Jahrhunderts zu entkitschen.

An diesem Maimorgen wird’s trotzdem kitschig: Es ist Hochzeit. Draußen nieselt fieser Regen, drinnen in der mit Kunstblumen übersäten Michaelerkirche vis à vis der Wiener Hofburg steht Sissi bereit in ihrer weißen Pracht. Noch einmal Puder auf die blasse Nase, dann schreitet sie los, jetzt schon zum fünften Mal, am Arm ihres Brautvaters, dem strammen Max (Herbert Knaup, „Mogadischu“), am Altar wartet ihr Franzl. Es sieht diesmal gut aus. Die zehn Meter lange Schleppe schleift schön über den roten Teppich, das Licht passt, kein Zaungast stört im Bild. Es ist mucksmäuschenstill. Da geht dem Kaiser plötzlich in der Hose das Handy an. „Alles auf Anfang“, brüllt Regisseur Schwarzenberger, der auch die Kamera führt. Bis zum Hochzeitskuss vergehen zwei Stunden.

Keine zwei Filmminuten wird die Hochzeitsszene dauern, die eine der prächtigsten ist in diesem teuer ausgestatteten Kostümfilm. Für die Sissi-Darstellerin Capotondi wurden allein 45 Roben angefertigt. Ihre Kostümbildnerin Enrica Biscossi schwärmt von der 67-Zentimeter-Wespentaille. Damit liege Capotondi nur zwei Zentimeter über dem schmalen Maß der historischen Kaiserin, die nachweislich gehungert hat und exzessiv geturnt. Doch von dieser unheimlichen Seite Elisabeths wird man im neuen Sissi-Film nichts erfahren, man wird keine Rinderblut trinkende Kaiserin sehen. Schwarzenberger lässt sich auch nicht ein auf die todessüchtige, neurotische Sissi. Ihn interessiert die Rebellin, die gegen ihre Schwiegermutter aufbegehrt.

Wer ist die Schönste im Schwarzenberger-Land? Martina Gedecks Ohrgehänge funkelt in der Michaelerkirche mit Cristiana Capotondis um die Wette. Doch Gedeck, die im Oscar-prämierten Stasi-Film „Das Leben der Anderen“ glänzte, will sich die Sophie nicht so einfach machen. Sie will weg vom kollektiv gefestigten Bild der herzlosen Xanthippe, das Vilma Degischer einst bei Marischka auf alle Zeit prägte, und durch ihr Wesen „mehr Wärme“ in die Figur bringen. „Diese Frau ist eine vergehende Frau“, erklärt Gedeck. „Sophie möchte am System festhalten, und da kommt plötzlich Sissi, für sie ein lebensbedrohlicher Faktor.“

Die echte Sissi muss in ihren jungen Jahren wild und widerspenstig gewesen sein, ein kleines bayerisches Mädchen vom Land, das reiten wollte und Spaß haben. Auch Cristiana Capotondi soll reiten, im Damensattel, auf einem Gaul aus Bratislava. „Mein Pferd und ich haben noch keine gute Beziehung“, klagt die Italienerin.

„Alle herschauen“, befiehlt Schwarzenbergers Regieassistent den Schinkenbrötchen-kauenden Kindern, „das ist der Kuss! Und nicht lachen dabei, das ist nicht lustig.“ Fast zwei Dutzend Bischöfe kreisen Weihrauch-wedelnd um das Brautpaar. Der Filmkuss ist innig. Die festlich ausstaffierten Statisten raunen – bei Kaisers war früher Küssen coram publico verpönt. „Jetzt finden es auch die Österreicher gut, dass mit David Rott ein Deutscher den Franz Joseph spielt“, sagt die ZDF-verantwortliche Redakteurin Birte Dronsek und gibt zu verstehen, dass das nicht immer so war. In Wien ist der Sissi-Dreh großes Tratschthema. Spannung und Skepsis vermischen sich. Die alten „Sissi“-Filme sind Kult, Romy Schneider ist österreichisches Heiligtum.

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