Neun Monate in der Taiga : Reality-TV auf Russisch

Eine russische Fernsehshow schickt 30 Menschen neun Monate lang in die Wildnis der Taiga. Das Spektakel ist inspiriert von den "Tribute von Panem"-Filmen.

Frank Herold
In der sibirischen Taiga wollen es 30 Teilnehmer einer russischen Realityshow neun Monate lang aushalten.
In der sibirischen Taiga wollen es 30 Teilnehmer einer russischen Realityshow neun Monate lang aushalten.Foto: picture-alliance/ dpa

Irina Agischewa will etwas „so Verrücktes und Unvergessliches tun, dass die Leute später sagen: Erinnerst du dich an dieses Mädchen?“. Für dieses Ziel ist die 30-jährige Schwimmtrainerin aus Nischni Nowgorod bereit, Monate in die sibirische Taiga zu ziehen und ihr Leben zu riskieren. Der 40-jährige Alexander Sanin aus Kursk ist Priester, aber auch ein Abenteurer, der viel herumgekommen ist. Er suche die Situationen, „in denen sich der wahre Mensch zeigt“, schreibt er hochtrabend in seiner Bewerbung. Die Herausforderung, der er sich jetzt stellen wolle, sei wichtig für seinen weiteren Dienst an den Menschen, glaubt er.

Beide haben sich für ein verstörendes russisches Ereignis beworben, das ab dem 1. Juli vom staatlichen russischen Fernsehen übertragen werden soll. Es kommt mit dem harmlosen Titel „Game2: Winter“ daher: 30 Menschen sollen neun Monate in der Taiga überwintern – auf sich allein gestellt in dem endlosen Wald, umgeben von Bären und Wölfen, dort, wo im Winter wochenlang unter minus 40 Grad herrschen. Im Internet konnte unter zeitweise mehr als 100 Bewerbern abgestimmt werden, wer es in die Wildnis schaffen soll.

2000 Kameras mit Bewegungsmeldern

Zunächst werden die Teilnehmer keine Nahrungsvorräte haben und keine Behausung. Für beides müssen sie praktisch mit bloßen Händen sorgen, bevor es kalt wird. Schusswaffen sind verboten, nur Messer dürfen mitgenommen werden. Das Spektakel ist inspiriert von den „Tribute-von-Panem“-Filmen, die auch in Russland Kassenschlager waren. Nur wird es keine Inszenierungen geben – versprechen die Organisatoren. Insgesamt steht ein Preisgeld von umgerechnet 1,6 Millionen Euro für die Sieger zur Verfügung, die es bis zum 1.April 2018 in der Wildnis ausgehalten haben.

Derzeit erhalten die Kandidaten einen Grundkurs in „Überleben in der Wildnis“. Auch seien sie ärztlich untersucht worden, wird versichert. Die Instruktionen erteilt ein ehemaliger Angehöriger der Speznasi, der Spezialeinheit des russischen militärischen Geheimdienstes GRU. Danach werden die Kandidaten, die maximal 100 Kilo Gepäck mitnehmen dürfen, fern jeder menschlicher Siedlung ausgesetzt. Auch kein Kamerateam – wie gewöhnlich bei den inszenierten Shows vom Typ „Dschungelcamp“ – ist in der Nähe. Die Organisatoren haben vielmehr 2000 Kameras mit Bewegungsmeldern auf einer Fläche von 900 Hektar fest installiert – wie bei einer Wildtierbeobachtung. Zudem haben die Teilnehmer eine tragbare Kamera immer dabei.

Der Organisator spricht vom "extremsten und gefährlichsten TV-Format"

Das Spektakel hat sich der sibirische Unternehmer Jewgeni Pjatkowski ausgedacht. Der 35-jährige Programmierer aus Nowosibirsk machte Millionen mit einer App, die lästige Anrufe und Mails von Schuldeneintreibern blockieren soll. Kritiker behaupten, diese App sei am Ende sinnlos. Doch Pjatkowski brachte sie 2014 auf dem Markt, mitten in Russlands tiefstem Krisenjahr – und da verkaufte sich sein Versprechen viele Millionen Mal. Pjatkowski hat aber auch TV-Erfahrung, er inszenierte Shows nach dem Rezept von „Big Brother“ fürs Fernsehen.

Damit sei sein gegenwärtiges Projekt jedoch nicht zu vergleichen, sagte er der „Sibirian Times“: „Dies ist kein Container und keine Tropeninsel. Es ist die Taiga, ein realer Wald.“ Pjatkowski nimmt für sich in Anspruch, er bringe das extremste und gefährlichste Reality-Format ins Fernsehen, das es je gegeben hat. Anfangs hatte er es mit der Eigenwerbung wohl doch übertrieben. „Alles ist erlaubt“, hieß es zunächst in den Regeln. „Kämpfen, Alkohol, Mord, Vergewaltigung, Rauchen – alles.“

Vor den Bären kommen die Mücken

Die Empörung war groß, sodass dieser Eintrag rasch verschwand, und die Organisatoren ruderten zurück. Jedoch nicht allzu weit, sie weisen jetzt nur jede Verantwortung für die Vorgänge im Wald weit von sich. „Wir können doch sowieso nichts machen, wir brauchen mindestens eine halbe Stunde mit dem Hubschrauber, bis wir an dem Ort sind, an dem etwas vorfällt“, erklärte Pjatkowski. Mord und Vergewaltigung seien selbstverständlich nicht erlaubt, schließlich würden russische Gesetze gelten, aber: „Wir haben nichts damit zu tun. Das steht in dem Vertrag, den jeder Teilnehmer vor dem Start der Show unterschreibt.“ Dort ist festgehalten, dass die Teilnehmer auf alle erdenklichen rechtlichen Ansprüche gegen die Organisatoren verzichten. Für den Notfall haben sie aber wenigstens einen GPS-Sender dabei, damit sie gegebenenfalls doch gerettet werden könnten.

Die entscheidenden Herausforderungen für die Teilnehmer sind am Ende nicht unbedingt Bären und Wölfe. Die schwersten Prüfungen könnten schon vor dem Hereinbrechen des Winters auf die Teilnehmer lauern. Bevor die Temperaturen sinken, werden die Mücken im Sommer und die kalten, alles durchdringenden Herbstregen so manchen Wagemutigen zur Aufgabe zwingen. Und am Ende wird auch nur dann Millionär, wenn er am 1. April des nächsten Jahres nur noch allein in der Taiga ausharrt. Wenn nicht, muss geteilt werden.

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