Neuseeland : Polizei befürchtet 200 Tote durch Erdbeben

Die Zahl der Toten nach dem verheerenden Erdbeben am Dienstag in Neuseeland ist auf mindestens 98 gestiegen. Noch immer suchen Helfer in den Trümmern nach Überlebenden.

In einer bizarren Trümmerlandschaft arbeiten sich Retter in Christchurch durch den Schutt des Canterbury-TV-Gebäudes.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Reuters
22.02.2011 10:14In einer bizarren Trümmerlandschaft arbeiten sich Retter in Christchurch durch den Schutt des Canterbury-TV-Gebäudes.

Christchurch - Acht Stunden hat es hier schon kein Lebenszeichen mehr gegeben. Meter für Meter haben sich die Retter in der Nacht durch die Berge aus Schutt und Stahl gegraben, gebohrt und gehämmert. Auf der Suche nach Überlebenden in der bizarr anmutenden Ruine des in sich zusammengestürzten Gebäudes von Canterbury TV. Doch in den Morgenstunden bringen die Helfer nur noch hellbraune Holzkisten und blaue Leichensäcke aus den Trümmern. Der Einsatzleiter vor Ort, David Lowry, muss den ausharrenden Angehörigen auf der Straße die letzte Hoffnung nehmen. „Die Suche wird abgebrochen.“ Anderswo, wo mehr Hoffnung auf Rettung bestünde, werde man mehr gebraucht.

Zwei Tage nach dem Erdbeben, das die neuseeländische Stadt Christchurch am Dienstag in eine von Trümmern übersäte Stadt verwandelt hat, zählen die Behörden bislang 98 Tote. 120 Menschen konnten aus eingestürzten Gebäuden geborgen werden, 226 sind als vermisst gelistet, bis zu 50 von ihnen, befürchten die Retter, könnten im einstürzenden Canterbury-TV-Haus gestorben sein. Die Polizei befürchtet, dass die Zahl der Todesopfer auf insgesamt 200 steigen könnte.

Auch am Mittwoch waren noch große Teile der Stadt auf der Südinsel Neuseelands ohne Strom und ohne Telefon, das Abwassersystem funktionierte nicht, die Wasserversorgung war weitgehend zusammengebrochen. Die Behörden forderten jene Bewohner, die noch Wasser hatten, auf, nicht zu duschen und die Toilettenspülung nicht zu benutzen. Menschen standen stundenlang in Schlangen hunderte Meter lang um Trinkwasser an, das mit Tanklastern angefahren wurde. Den Brand eines Supermarktes konnte die Feuerwehr nicht löschen, auch dafür fehlte das Wasser.

Tausende Wohnungen in Christchurch sind jetzt unbewohnbar. Auch in Häusern, die noch stehen, fehlen vielfach Außenwände. In den Straßen klaffen große Krater, Autos sind in die Krater gerutscht, im allgegenwärtigen Schlamm versunken oder von Stahlbalken oder Betonstücken zerquetscht. Die Polizei, unterstützt von der Armee, hat einige Stadtviertel abgeriegelt. In der Nacht galt eine Ausgangssperre.

Und noch immer droht vielerorts Einsturzgefahr. Viele Bauwerke sind durch die schweren Schäden extrem instabil geworden. „Wenn das Hotel Grand Chancellor einstürzt, wird das im Zentrum einen Dominoeffekt auslösen“, sagte Polizeichef Dave Cliff. „Das wäre eine große Katastrophe.“ Experten warnten, dass das Gebäude mit mehr als zwei Dutzend Stockwerken stark einsturzgefährdet sei.

Am Tag eins nach dem Beben konzentrierten Polizei und Feuerwehr die Einsätze auf Gebäude, bei denen die Hoffnung auf Überlebende noch nicht aufgegeben werden musste. Auf Häuser, aus denen Rufe aus den Trümmern nach draußen drangen. Die Rettungskräfte wollten die Stadt nun Haus für Haus nach Überlebenden absuchen. Der Leiter der Zivilschutzbehörde, John Hamilton, sagte, die ersten zwei bis drei Tage nach einem Beben seien entscheidend für die Rettung Überlebender.

Für Graham Bodkin gab es 25 Stunden nach dem Beben die Erlösung. Um ihn herum brandete Jubel auf, als die Rettungskräfte seine Frau Anne, eingehüllt in Decken auf einer Bahre aus den Trümmern des Pyne-Gould-Guinness-Gebäude trugen. Sie hatte, eingeklemmt unter einem Schreibtisch, die Katastrophe im eingestürzten Bürokomplex überlebt. Auch Bürgermeister Bob Parker war vor Ort. „Inmitten der Katastrophe und an einem der düstersten Tage der Geschichte unserer Stadt zeigt sich doch die Sonne“, strahlte er auf der Straße vor der Trümmerhalde in die Kamera einer Fernsehanstalt, „als wir Anne aus den Trümmern retten konnten“. Aus dem Gebäude waren schon in der Nacht elf Männer und Frauen lebend befreit worden. Geschichten von Überlebenden tauchten am Mittwoch immer wieder auf. Einige Opfer wurden nahezu unverletzt geborgen, manchen konnte nur durch Amputationen das Leben gerettet werden.

Ein Augenzeuge berichtete, wie eine Frau mit einem Baby im Arm von herabfallenden Trümmern erschlagen wurde. „Wir haben versucht, sie von den Trümmern zu befreien“, sagte Tom Brittenden. „Aber sie war schon tot.“ Ihr Baby habe überlebt. Auch für die Australierin Ann Voss gab es ein Happy End, berichtete der australische Rundfunk am Abend. Sie hatte sich bei ihrer Familie und einem australischen Fernsehsender gemeldet. „Ich werde es wohl nicht schaffen“, sagte sie ihrem Sohn. Dann war ihr Handy-Akku leer. Retter zogen sie am Mittwoch unter Tonnen von Beton, Stahl und Glas hervor – mit gebrochenen Rippen und Schnittwunden.

Gerettet wurde auch der Bäcker Shane Tomlin. Das Foto seines staubverschmierten Gesichts, als die Sanitäter ihn aus den Trümmern des Cashel-Street-Einkaufszentrums zogen, ging um die Welt. Seine Eltern suchten noch am Mittwoch in den Krankenhäusern vergeblich nach ihm. Die Regierung Neuseelands hat den nationalen Notstand ausgerufen. Damit erhielt das Amt für Zivilverteidigung weitreichende Befugnisse, um die Rettungsaktion mit Kräften aus dem ganzen Land zu koordinieren. Auch Australien, die USA, Großbritannien, Japan, Singapur und Taiwan entsandten Rettungsteams in die vielerorts verwüstete Stadt. „Familien haben ihre Angehörigen verloren, Freunde ihre Freunde. Dieser Verlust ist das Schlimmste“, sagte Regierungschef Key, der das Erdbebengebiet am Dienstag besucht hatte. „Gebäude sind nur Gebäude, Straßen nur Straßen, aber die Menschen sind unersetzlich.“ Die Stadtverwaltung richtete auf dem Militärstützpunkt Burnham eine Leichenhalle ein. Verzweifelte Einwohner, die Angehörige suchten, wurden in einer Polizeiwache betreut.

In Christchurch leben 500 bis 1000 Deutsche. Ob es unter ihnen Opfer gibt, konnte der Honorarkonsul der Bundesrepublik, Theodor Giesen, nicht sagen. Beim ihm hätten sich mehrere deutsche Touristen gemeldet. babs/dpa/rtr

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