New Orleans : Helikopter bei Evakuierung beschossen

In der überschwemmten US-Metropole New Orleans sind vor dem "Superdome" Schüsse auf einen Hubschrauber abgefeuert worden. Die Evakuierung des Footballstadions, in dem bis zu 30.000 Menschen ausharren, wurde gestoppt.

New Orleans/Washington (01.09.2005, 18:18 Uhr) - Anarchie und Flüchtlingsströme: Nach dem Hurrikan «Katrina» droht das Chaos im Südosten der USA zu eskalieren. Im überfluteten New Orleans brachen am Donnerstag Kämpfe zwischen Flüchtlingen um einen Sitz in einem Bus Richtung Texas aus. Tausende strömten zum Footballstadion Superdome, in dem bereits etwa 25.000 Menschen auf Rettung hofften. Die Zahl der Hurrikan-Toten geht nach Behördenangaben insgesamt in die Tausende - damit zeichnet sich die schlimmste Katastrophe seit einem Jahrhundert in den USA ab. Der Wiederaufbau wird vermutlich Jahre dauern. US-Präsident George W. Bush will die am schlimmsten betroffenen Gebiete an diesem Freitag besuchen.

Allein in New Orleans sind bis zu 60.000 Menschen eingeschlossen. Viele von ihnen drängten sich an den Absperrungen am Superdome. Aus der Menge heraus wurden Schüsse auf einen Rettungshubschrauber abgefeuert, ein Nationalgardist wurde verletzt. Verzweifelte Flüchtlinge setzten Müllcontainer in Brand. Rund um den Dome loderten Flammen. Die Einsatzkräfte konnten wegen der Wasserfluten und der unübersehbaren Menschenmenge zunächst nicht einschreiten. «Die Lage hier ist extrem explosiv», sagte ein Augenzeuge.

Tausende andere Obdachlose kampieren auf Straßen, Zubringern und unter Brücken - in der Hoffnung, endlich aus der Stadt herauszukommen. Auf einer Autobahn versammelten sich hunderte Menschen und riefen Autofahrern zu: «Bitte helft uns.» Andere streckten leere Becher aus und bettelten um Wasser. Die Nationalgarde will außer Bussen auch Eisenbahnen einsetzen und eine Luftbrücke aufbauen.

Bush kündigte «Null Toleranz» gegenüber Plünderern und Preistreibern im Krisengebiet an. Die Situation der besonders Verletzlichen dürfe nicht ausgenutzt werden, sagte Bush am Donnerstag dem Fernsehsender ABC. Zuvor hatte der Bürgermeister von New Orleans, Ray Nagin, bereits das Kriegsrecht verhängt, um wirksamer gegen marodierende Plünderer vorgehen zu können. Wegen der zahlreichen Leichen, die in den Fluten treiben, rief die US-Regierung den Gesundheitsnotstand aus, um die wachsende Seuchengefahr zu bannen.

Bush: Wiederaufbau dauert Jahre

Es werde Jahre dauern, bis die Region wieder aufgebaut sei, sagte Bush nach einem Erkundungsflug mit der Präsidentenmaschine Air Force One. Die Küste im Bundesstaat Mississippi sei komplett zerstört. Die Nationalgarde will zusätzlich 24.000 Soldaten in die Katastrophengebiete schicken, 13.000 sind bereits im Einsatz. Bush kündigte eine bisher einmalige Hilfs- und Rettungsaktion an. So sollen mehrere Marineschiffe, Amphibienfahrzeuge und Hubschrauber entsendet und dutzende große Feldlazarette mit insgesamt 10.000 Betten eingerichtet werden. Nach seinen Angaben befanden sich am Mittwoch insgesamt 78.000 Menschen in Notunterkünften.

Bestätigen sich die düsteren Prognosen, wird Hurrikan «Katrina» die Naturkatastrophe mit den meisten Toten in den USA seit dem Erdbeben in San Francisco im Jahr 1906. Damals waren rund 6000 Menschen ums Leben gekommen.

Die Evakuierung New Orleans begann am Mittwoch. Die im Superdome untergebrachten Menschen sollen vorübergehend in einem anderen Stadion im 530 Kilometer entfernten Houston (Texas) Zuflucht finden. Erste Busse kamen dort bereits an. Zwischenzeitlich wurde die Aktion wegen der Lage am Superdome gestoppt. In der Sportanlage funktionierten zuletzt weder Duschen noch Toiletten, es ist schmutzig und unerträglich heiß. New Orleans selbst droht in den Fluten des Pontchartrain-Sees vollständig zu versinken.

Bürgermeister Nagin rechnet allein in der Südstaatenmetropole mit mehr als 1000 Toten. In den Häusern liegen noch viele Leichen, sagte er. Im Kampf gegen Plünderer wurden 1500 Polizisten von Rettungseinsätzen abgezogen, um «zu tun, was nötig ist».

Die Verzweiflung wächst

Auch in den anderen Katastrophengebieten warten noch immer Tausende auf Rettung. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wachsen. Vielerorts fehlen Lebensmittel und sauberes Trinkwasser, Plünderer rauben Nahrungsmittel und Waffen aus Geschäften, Einbrecher räumen verlassene Häuser aus. «Die Lage ist schrecklich, es ist heiß und feucht», sagte Michael Brown, Chef der US-Behörde für Katastrophenmanagement.

Offizielle Stellen befürchten, dass zehntausende Häuser irreparabel sind. Auch wächst die Sorge, dass sich Seuchen wie Typhus und Cholera ausbreiten könnten. «Die Bedingungen verschlechtern sich rapide», warnte ein Gesundheitsexperte von der Universität Louisiana. Fachleute vergleichen die Situation mit den Zuständen in Südostasien nach dem verheerenden Tsunami Ende 2004.

Auch in der früheren Casinostadt Biloxi (Mississippi) ist die Lage chaotisch. «Sowas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen», sagte ein Motelbesitzer angesichts der dreisten Diebesbanden. Überlebende berichten, es sei ein «Wunder», dass sie davongekommen sind. Wände aus Beton und ein Haufen roter Ziegel, mehr ist von ihrem Wohnblock «Quiet Water Beach» nicht mehr zu sehen. Im Schutt liegen eine Spielzeugeisenbahn, Schmuck und Kleidungsstücke - Erinnerungsstücke an ein früheres Leben.

Deutschland bot den USA Unterstützung an, um der «entsetzlichen Naturkatastrophe» Herr zu werden, sagten Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer in Berlin. Auch Hollywoodstars und Musiker sowie Sportler setzen sich mit Spendenaufrufen und Aktionen für die Hurrikan-Opfer ein. Verschiedene Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz und Care International riefen auch hier zu Lande zu Spenden auf. (tso)

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