New Orleans : Kaufhaus ist Notaufnahme für Verzweifelte

Ein Jahr nach dem Wirbelsturm "Katrina" ist das Charity Hospital in New Orleans überlastet. Immer mehr Menschen, die Familie und Besitz verloren haben, versuchen ihrem Leben ein Ende zu bereiten.

New Orleans - Krankenschwester Sheri Pellagalle versucht einen Patienten zu trösten. Der Mann ist hier, weil er sich umbringen wollte. Für die Angestellte des Charity Hospitals, des einzigen gemeinnützigen Krankenhauses in New Orleans, ist das Alltag. Nachdem der Hurrikan "Katrina" vor einem Jahr schwere Schäden in der Stadt anrichtete und bei der Katastrophe vom 29. August mehr als 1100 Menschen ums Leben kamen, versuchen immer mehr Menschen in New Orleans, sich das Leben zu nehmen. Wenn es ihnen nicht gelingt, werden viele von ihnen ins Charity Hospital gebracht, das derzeit in einem leer stehenden Kaufhaus untergebracht ist.

Gründe für den Anstieg der Selbstmordrate in New Orleans gibt es viele: Manche Menschen sind verzweifelt, weil sie wegen steigender Mieten ihre Wohnung verloren haben oder aus ihrer Übergangsbleibe rausgeschmissen wurden. Andere stürzen wegen unbezahlbarer Reparaturkosten oder zermürbendem Streit mit der Versicherung um die Erstattung der Flutschäden in eine Krise. Viele werden nicht mit den Erinnerungen fertig.

Jemand, der sich kümmert und zuhört

Die steigende Selbstmordzahl ist nur eine der Folgen der verheerenden Katastrophe in der Stadt am Mississippi. Auch die Fälle von häuslicher Gewalt sowie von Alkohol- und Drogenmissbrauch haben deutlich zugenommen. "Die Leute sind traurig und sie stehen unter Stress", erklärt Pellagalle die allgemeine Gefühlslage in New Orleans. Immer wieder müssen auch Menschen behandelt werden, die sich bei Aufräum- und Renovierungsarbeiten Schnittwunden zugezogen oder Finger abgetrennt haben. Andere kommen mit Magenproblemen oder Kopfschmerzen, obwohl Wartezeiten von zehn bis zwölf Stunden hier nicht ungewöhnlich sind. "Man fragt sich, ob das nicht daher kommt, dass sie einfach jemanden brauchen, der mit ihnen redet oder sich um sie kümmert", sagt Pellagalle und blickt müde vor sich hin.

Sie ist wie all ihre Kollegen überarbeitet. Zwei Drittel der Belegschaft wurden nach "Katrina" entlassen. Jetzt kümmern sich nur noch 725 Angestellte um monatlich rund 4500 Patienten. Vor der Flutkatastrophe hatte das Hospital noch 4000 Mitarbeiter, die 6000 Patienten im Monat versorgten. Auch die medizinische Ausstattung ist schlecht. Der Computertomograph ist in einem Anhänger auf der Straße untergebracht. Trauma-Patienten und solche, die länger als 24 Stunden lang beobachtet werden müssen, muss das Charity Hospital in andere Krankenhäuser schicken, wo ihnen hohe, oft unbezahlbare Rechnungen für die Behandlung präsentiert werden. "Wir tun, was wir können", sagt Pellagalle. Sie weiß, dass das nicht reicht.

Umzug im November

Auch als New Orleans wegen "Katrina" zu 80 Prozent überflutet war, taten Ärzte, Pfleger und Schwestern des Hospitals ihre Arbeit. Ohne Strom- und Wasserversorgung kämpften sie um das Überleben ihrer Patienten. Später mussten sie ihre Patienten zwischenzeitlich in Zelten behandeln. Schließlich wurde das Charity Hospital in einem Kaufhaus untergebracht. Es liegt in der Nähe der riesigen Sportarena Superdome, in der unmittelbar nach der Katastrophe rund 26.000 Menschen ausgeharrt hatten. Die dünnen Trennwände zwischen den verspiegelten Säulen und den Marmorgängen des Kaufhauses bieten den Patienten wenigstens etwas mehr Privatsphäre als die Zelte.

Voraussichtlich im November wird das bereits 1736 zur Versorgung von Bedürftigen gegründete Charity Hospital in einen modernen Neubau einziehen. Dann werden auch rund 1100 Mitarbeiter wieder eingestellt. Das ist bitter nötig. "Unsere Gesamtbevölkerung ist gesunken, aber der Hilfsbedarf ist gestiegen", sagt Charity-Hispital-Sprecherin Marcia Kavanagh. Schließlich hätten tausende Menschen in New Orleans mit ihren Jobs auch ihre Krankenversicherung verloren. Pellagalle weiß, dass ihre Arbeit und die ihrer Kollegen umso wichtiger ist, solange New Orleans noch nicht zur Normalität zurückgekehrt ist. "Die Leute kommen zurück und es geht ihnen nicht gut." (Mira Oberman, AFP)

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