New Orleans : Millionen helfen Flutopfern

Nach der Flutkatastrophe im Süden der USA zeigen die Amerikaner ihr großes Herz: Sie schicken Päckchen, spenden Geld und Kleidung und packen in ihrer Freizeit selbst mit an.

Houston (08.09.2005, 11:55 Uhr) - Sheryl Swoopes (34), Superstar im Frauenbasketballteam der "Comets" aus Houston, spricht mit tränenerstickter Stimme: "Sicherlich haben wir morgen ein wichtiges Spiel. Aber was hier passiert, ist wichtiger als ein Basketballspiel. Die größte Spende, die jemand geben kann, ist Zeit." Swoopes verteilt dann Kleidung und spielt mit den Kindern im Astrodome, der größten Notunterkunft in der Geschichte der USA. Wie Football-Star Terrell Owens (31) von den "Philadelphia Eagles". Owens nahm sich einen Tag vom Training frei und flog nach Houston, um mit dem Nachwuchs zu trainieren. "Sie sind unsere Zukunft", sagt er.

Während über die Regierung nach Hurrikan "Katrina" ein Sturm der Entrüstung hinwegfegt, haben Millionen von Amerikanern ihr großes Herz für die Flutopfer geöffnet. Sie schicken Päckchen, spenden Geld und Kleidung und packen in ihrer Freizeit selbst mit an. Michelle Alvarado ist zwar nicht berühmt, war dafür aber schon einmal sechs Monate lang obdachlos. Dann half ihr jemand wieder auf die Beine. "Wenn du auf die eine oder andere Weise Hilfe bekommst, ist es gut, wenn du etwas zurückgibst", sagt die 38-Jährige. Alvarado hilft jeden Tag Flutopfern im Astrodome beim Ausfüllen von Anträgen.

Die weißen Nachbarn von Karen Jenkins nahmen eine achtköpfige Familie aus New Orleans auf. Jenkins selbst machte sich gleich nach der Flutkatastrophe auf den Weg zum Astrodome. "Wie kann man da nicht helfen?", fragt die 22-Jährige.

Die Hilfsbereitschaft habe sie förmlich umgehauen, sagt die für den Einsatz der Freiwilligen zuständige Laurie Shah. Nahezu 38.600 Frauen und Männer - das sind mehr als 6.000 pro Tag - im Alter zwischen 18 und 80 hätten sich bislang im Astrodome gemeldet. Die Schichten seien 12 bis 18 Stunden lang. "Ich habe nicht eine einzige Beschwerde eines Freiwilligen gehört. Es gibt nicht eine Sache, zu der sie Nein sagen", sagt Shah. "Einige Freiwillige haben eine Woche Urlaub genommen, um hier zu arbeiten." Ein Pilot des Kurierunternehmens FedEx aus dem Bundesstaat Ohio habe drei Tage frei genommen, um sich in den Massenunterkünften in Houston um die Logistik zu kümmern, sagt Shah.

Der Astrodome funktioniert inzwischen wie eine Kleinstadt - allerdings mit einer Verwaltung aus Freiwilligen. Sie regeln in dem riesigen Sportkomplex den Verkehr, teilen Essen aus, entladen Autos, kümmern sich um Spenden, reinigen die Toiletten und Duschen und leisten Hilfe bei Amtsgängen. Pfarrer betreuen die traumatisierten Menschen aus New Orleans. Der Arzt Kenneth Mattox spricht von "einem Tag-, Nacht- und Wochenendjob".

Nach dem Massenansturm auf Texas haben Kirchen und Hilfsorganisationen Millionen von Menschen mobilisiert. In Houston schneiden Friseure Flutopfern umsonst die Haare. Briefträger sammeln am Samstag statt Post Essensportionen ein, um den 120.000 Neubürgern in und um Houston eine kulinarische Freude zu bereiten. Andere Unternehmen geben Neuankömmlinge Jobs. Die Spielerstadt Las Vegas sucht händeringend Taxifahrer. "Las Vegas loves you", werben Vertreter der Stadt im Astrodome. Aus dem ganzen Land treffen Wagenladungen voller Pakete ein mit der Aufschrift: "An unsere Leute im Astrodome".

Mit 250.000 Flutopfern hat Texas bei weitem mehr aufgenommen als jeder andere Bundesstaat. Houston ist zum Symbol der Hilfe geworden. In anderthalb Wochen soll der Astrodome schließen. Damit dann die finanziellen Mittel für die mittel- und obdachlos gewordenen aus New Orleans nicht ausgehen, haben führende Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur einen Hilfsfonds ins Leben gerufen. Houstons Bürgermeister Bob White zahlte gleich eine Spende in Höhe von 500.000 Dollar (402.000 Euro) von den Mitarbeitern der Stadtverwaltung ein.

Terri Jaggers legte noch einmal die Schärpe der "Mrs. Texas" um und richtete einen strahlend-schönen Appell an den Rest des Landes: "Unsere Herzen in Texas sind groß, aber unsere Brieftaschen brauchen die Hilfe anderer Bundesstaaten." (Von Hans Dahne, dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar