New Orleans : Zwangsevakuierung rückt näher

Nach Abschluss der freiwilligen Evakuierung will die Polizei die noch in New Orleans ausharrenden Bewohner notfalls mit Gewalt aus der überfluteten Stadt bringen.

Washington/New Orleans/Brüssel (09.09.2005, 16:55 Uhr) - Viele der Betroffenen kündigten Widerstand an. Die freiwillige Evakuierung war am Freitag weitgehend abgeschlossen.

«Nur über meine Leiche», erklärte ein empörter Einwohner im Nachrichtensender CNN zu der Ankündigung der Polizei. Er habe eine Waffe im Haus und werde sich verteidigen, drohte er. Die Polizei rechnet auch bei anderen Bewohnern mit Widerstand.

Nach tagelangem Pumpen sind Medienberichten zufolge nun 40 Prozent der Stadt trocken gelegt. Im übrigen Teil steht das mit Bakterien und Chemikalien verseuchte Wasser teilweise noch meterhoch.

Am Donnerstagabend billigten US-Abgeordnetenhaus und Senat weitere 51,8 Milliarden Dollar (44,08 Milliarden Euro) für die Hurrikanhilfe. US-Präsident George W. Bush unterzeichnete umgehend ein entsprechendes Gesetz. Bereits in der vergangenen Woche waren 10,5 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern genehmigt worden. Bush kündigte an, er werde am Wochenende noch einmal in die Region reisen.

Der frühere US-Außenminister Colin Powell reihte sich am Donnerstag in die Reihen der Kritiker der Bundesbehörden ein. Er bemängelte die Vorbereitung auf den Hurrikan «Katrina» und die anschließenden Hilfsaktionen. Es habe eine Vielzahl von Fehlern auf allen Ebenen gegebe, sagte Powell.

Behördenvertreter wiederholten am Freitag die Befürchtung, dass die Zahl der Toten in die Tausende gehen könnte. Offiziell wurden bisher in Mississippi und Louisiana über 220 Tote registriert. Eine Suchmannschaft entdeckte am Donnerstag allein in einem Krankenhaus in New Orleans 14 Leichen - ein Hinweis darauf, was in den kommenden Tagen noch bevorsteht.

Die Nato hilft den Opfern des Hurrikans «Katrina» im Süden der USA. Wie das Militärbündnis auf seiner Internetseite mitteilte, leisteten bis Freitag insgesamt 27 Alliierte und Partner der NATO den USA Unterstützung. Die Hilfe umfasst nach den Angaben unter anderem Nahrungsmittel, Wasser und Wasserreinigungsanlangen, medizinische Ausrüstung, Zelte, Boote und Hubschrauber. Mittlerweile ist auch das deutsche Spezialistenteam des Technischen Hilfswerks (THW) in New Orleans komplett. Am frühen Freitagmorgen landete die zweite US-Militärmaschine mit deutschen Helfern an Bord in dem Katastrophengebiet. Die 94 THW-Helfer sollen mit Spezialpumpen und Lastwagen vor allem bei der Trockenlegung von New Orleans helfen.

Deutschland ist nach Worten von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zu weiteren Hilfen bereit. Dies betreffe vor allem Unterstützung bei der Wasseraufbereitung und der Identifizierung von Opfern, sagte Schröder beim Antrittsbesuch des neuen US-Botschafters in Deutschland, William Timken, in Berlin. Deutsche Experten stünden zur Unterstützung ihrer US-Kollegen auf Abruf bereit. Timken wertete die bereits geleistete Unterstützung als «starkes Zeichen der Solidarität und Freundschaft zwischen Deutschen und Amerikanern».

Kritik an den USA kam aus Schweden. Die andauernde Passivität von US-Stellen gegenüber konkreten Hilfsangeboten aus anderen Ländern sei «äußerst ungewöhnlich», meinte das staatliche schwedische Rettungswerk. Wie der Sprecher Per Ström am Freitag in Karlstad mitteilte, stehe seit sechs Tagen ein komplett beladenes «Herkules»-Transportflugzeug mit Wasserreinigungsanlagen sowie GSM-Mobilfunkstationen für 50.000 Menschen ungenutzt auf einem schwedischen Militärflughafen.

Unterdessen haben US-Meteorologen den Hurrikan «Ophelia» 185 Kilometer vor der Küste Floridas zum Tropischen Sturm heruntergestuft. Jedoch wurden Bewohner an der Nordostküste des US-Bundesstaates weiterhin zur Vorsicht aufgerufen. Die Experten schließen nicht aus, dass der Wirbelsturm erneut zum Hurrikan werden könnte. Bislang sei jedoch noch unklar, ob und wo er das Land erreicht. «Ophelia» ist der siebte Wirbelsturm der Hurrikansaison 2005. (tso/dpa)

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