Welt : New York: Das Ringen um Fassung

Philipp Oehmke

Der T-Shirt Verkäufer sagt, er habe es nur gut gemeint. Er sagt, er wollte doch nur die Stimmung in dieser Stadt auffangen, diese Stimmung aus Zusammenhalt und Anpacken. Seine T-Shirts zeigen die amerikanische Flagge, darunter der Schriftzug: "Wir werden tun, was erforderlich ist." Eine Drohung. Ein Aufruf zur Gemeinsamkeit. Wir, die Amerikaner, und im Speziellen, wir, die New Yorker, die wir persönlich angegriffen wurden, werden zusammen Kleidung spenden und Sandwiche schmieren, wir werden den Schutt wegräumen und das World Trade Center wieder aufbauen. Das wollten die New Yorker doch, sagt der Verkäufer. Seine T-Shirts reflektierten das nur.

Fremde schreien sich an

Doch der Mann kommt möglicherweise zu spät mit seinen T-Shirts an diesem Mittwoch. Ein Mann, seinen gelben Schutzhelm auf dem Kopf, der mit Feuerwehrmännern an einer Ecke steht, schreit den Verkäufer an, er solle verschwinden mit seinen blöden T-Shirts und lieber helfen.

Doch es gibt nichts mehr zu helfen. Die Hilfsstationen an den Chelsea Piers und beim Jarvits Center wollen keine Helfer mehr. Joseph Moskwa, ausgebildeter Elektriker ist eigens aus New Jersey gekommen; er hat Urlaub genommen, um in New York zu helfen. Doch die Stadt braucht ihn nicht, vielleicht später, sagen die Organisatoren. Moskwa war am Tag des Angriffs sofort in die Stadt gefahren, versuchte im Schutt Menschen zu finden, hatte den größten Energieschub seines ganzen Lebens. Jetzt fühlt er nur noch Frustration.

Auch bei den meisten anderen hat die Erschöpfung und Aufgeriebenheit den Trotz und den Enthusiasmus der ersten Tage verdrängt. Am West Side Highway, dort wo die Feuertrucks und Polizeijeeps rauskommen, da jubelt keiner mehr, verschwunden sind die Schilder, die die Rauskommenden zu Superhelden machten.

Vor dem Rathaus, das tags zuvor noch in der abgesperrten Zone lag, das immer noch von einem beigefarbenen Staubfilm belegt ist, fahren die Feuerwehrtrucks Richtung der Ruinen, jenen haushohen Trümmerbergen, die immer noch qualmen und die 5100 Toten in sich bergen. Der Wind weht her von der Ruine. "Was ist das für ein Geruch?", fragt eine Frau. So viel Naivität raubt einem anderen Passanten die Fassung: "Das ist Verwesungsgeruch, du blöde Kuh! Verwesungsgeruch. Hier! Riech es! Atme es ein! Dann verstehst Du vielleicht, worum es hier geht!" Vorgestern, so mag man vermuten, hätte der gleiche Mann die gleiche Frau noch in den Arm genommen, schweigend, mit einem Klopfen auf die Schulter.

Eine Truppe Feuerwehrmänner, zehn vielleicht, vorgestern noch als die Helden dieser Stadt, dieses Landes, gefeiert, kommt schweigend von den Ruinen. Ihre Stiefel klacken auf dem Asphalt. Ihre Stiefel erzeugen ein Echo, denn es fahren keine Autos und auch sonst sagt niemand etwas. Die Beistehenden schauen weg. Die Feuerwehrmänner blicken zu Boden.

Sie wollen nicht mehr drüber reden, was sie sehen, was sie riechen bei den Ruinen. Zuviel haben sie darüber geredet in den letzten Tagen, zuwenig sind sie verstanden worden von Menschen, die es nie gesehen, nie gerochen haben.

"Reden macht es im Moment schlimmer", sagt Bruce, der seit einer Woche beinahe durchgehend mit einer Nacht Pause bei den Ruinen aushilft. Bruce ist wütend. Alle diese Leute, die hier stehen und gucken, sie nerven ihn. "Entweder, sie helfen mit und sehen mit eigenen Augen, was wir sehen, was wir durchmachen, oder sie verschwinden", schreit er. Er will nicht mehr reden, nicht mehr gefragt werden, wie es bei den Ruinen aussieht. "Ich muss mich schützten. Reden macht alles schlimmer. Warum verstehen das die Leute nicht?" Er hätte keine Lust, die Sensationslust von Passanten zu befriedigen, nur damit sie zuhause etwas beim Abendessen zu erzählen haben, sagt er, und in diesem Moment wird klar, dass die Stadt anfängt, sich zu teilen - in jene, die direkt an der Katastrophe arbeiten und jener Teil der Bevölkerung, der versucht, zur Normalität zurückzukehren. Bruce sagt, diese beiden Bevölkerungsteile verstehen sich nicht mehr, der Spalt würde immer grösser.

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