New York : Der Herrscher der Tür

Steve Keschl ist Doorman in der Upper East Side – und damit eine Stütze der New Yorker Gesellschaft.

Sebastian Moll
83-jähriges Urgestein: Steve Keschl, 460 East 79th Street, Manhattan.
83-jähriges Urgestein: Steve Keschl, 460 East 79th Street, Manhattan.Foto: Sebastian Moll

Jedes Mal, wenn der Fahrstuhl „Ping“ macht, ist das für Steve Keschl wie ein Startschuss. Vielleicht fünf Sekunden hat der 83-Jährige dann Zeit, um den Weg von seinem Stehpult aus durch das Foyer bis zur Haustür zurückzulegen. Der Klingelton zeigt an, dass ein Bewohner des 20-stöckigen Appartementhauses an Manhattans Upper East Side im Erdgeschoss angekommen ist und Keschl muss sich mit seinem mittlerweile doch etwas schleppenden Gang sputen, um vor ihm den Eingang zu erreichen. Denn Steve ist Doorman, die Tür aufzuhalten ist sein Job.

Meistens schafft er es, oft allerdings nur, weil die Mieter der Nummer 460 East 79th Street ihren gehetzten New Yorker Schritt verlangsamen und ihn gewähren lassen. Niemand will ihm dieses kleine Alltagsritual versagen und auch nicht sich selbst. Das Rollenspiel nährt schließlich das Selbstwertgefühl beider Seiten – des Dieners und des Bedienten: Der eine wird dadurch wichtiger, der andere fühlt sich gebraucht. Routiniert fährt die Hand von Steve zum Messingknauf aus, der Oberkörper deutet leicht eine Verbeugung an. „Have a nice day“. „Have a nice day, Steve“, kommt es dann immer zurück.

Steve ist einer von 32 000 Doormen in New York, einer jener schmucken Männer in Dienstmann-Livree, die zum Stadtbild gehören wie das Empire State Building, die Freiheitsstatue und die gelben Taxis. Sie sind eine Besonderheit, wie es sie in dieser Bedeutung wohl nur in Manhattan gibt. Überall sieht man sie auf den breiten Bordsteinen, wie sie mit der Trillerpfeife im Mund Limousinen herbeiwinken oder einfach nur unter der Plane vor den Eingängen der vornehmeren Appartementgebäude der Stadt stehen, um Besuchern die Tür zu öffnen. Sie nehmen Pakete und Mitteilungen entgegen, kündigen per Haustelefon Besucher an und wenn ein Mieter in den Urlaub fährt, hinterlässt er beim Doorman den Schlüssel, damit dieser die Pflanzen gießen kann.

In den meisten Städten der Welt erledigen die Menschen diese Dinge alleine oder organisieren sie untereinander. Sehr viele New Yorker können es sich hingegen nicht vorstellen, ohne Doorman auszukommen. Als die Portiers der Stadt kürzlich mit einem Streik drohten, brach unter den Reichen in Manhattan Krisenstimmung aus. „Wer begrüßt meine Kinder, wenn sie von der Schule kommen? Und wer um Himmels willen lässt die Putzfrau in die Wohnung?“ Die Bewohner der Condominiums, so heißen die Appartementhäuser, überlegten sich in dringlichen Versammlungen, wie sie die Notlage meistern könnten, heuerten Sicherheitsdienste an, organisierten Foyerdienstschichten in Selbsthilfe.

Natürlich hat nicht jedes New Yorker Mietshaus einen Doorman. Das kann sich nicht jeder leisten. Für diejenigen, die es sich leisten können, ist er eine Selbstverständlichkeit.

Und weil das so selbstverständlich ist, kann niemand so recht erklären, warum Bewohner von Manhattan so gerne jemanden haben, der die Lobby bemannt. Das Sicherheitsargument, das am häufigsten ins Feld geführt wird, ist wenig plausibel. New York ist schon seit langer Zeit die sicherste Großstadt der USA und die Appartementhäuser, die mit Türstehern ausgestattet sind, liegen gewöhnlich in den sichersten Gegenden von Manhattan. Dort, wo es wirklich gefährlich ist, gibt es auch keinen Doorman. Ganz abgesehen davon, dass ein überaus charmanter aber schon etwas zittriger älterer Herr wie Steve Keschl ganz bestimmt keine entschlossenen und vielleicht sogar bewaffneten Räuber in die Flucht schlagen könnte. Er könnte sie allenfalls mit seinem Charme besiegen.

Und doch können sich die Mieter der Nummer 460 East 79th Street ein Leben ohne Steve Keschl nicht vorstellen. „Er ist der wunderbarste Mensch der Welt“, sagt eine Dame um die 70 im Vorbeigehen dem Besucher, während Steve ihr die Schwingtür aufhält. „Er ist wirklich etwas ganz Besonderes.“

Das Kompliment treibt Keschl für einen Augenblick Tränen der Rührung in die Augen. „Sie hat schon hier gewohnt, als ich hier angefangen habe“, sagt er, während er sich kurz mit dem Ärmel über das Gesicht wischt und zurück zu seinem Stehpult trottet. 50 Jahre ist das jetzt her. Jeden Tag hat er ihr seither die Tür aufgehalten, sechs Mal die Woche. Sie sind zusammen alt geworden und jeder gehört zum Leben des anderen, wie ein vertrautes Möbelstück oder ein Buch, das man immer wieder liest. Etwas, das Sicherheit und ein wenig Halt gibt. Sie reden nicht viel über private Dinge, sagt Steve, die Dame weiß praktisch nichts über ihn und er weiß nur das, was man zwangsläufig als Doorman eben so mitbekommt und worüber man diskret schweigt. Und doch würde der Dame etwas sehr Wichtiges fehlen, wenn Steve ihr eines Morgens nicht mehr die Tür aufhalten und ihr einen schönen Tag wünschen würde. Es ist ein wichtiges Stück Verlässlichkeit und Intimität in einer Stadt, die davon ansonsten so wenig zu bieten hat.

So erklärt auch der New Yorker Schriftsteller James Collins, warum seine Stadt so an ihren Doormen hängt. „In der großen gleichgültigen Stadt ist er so etwas wie der Gemischtwarenhändler oder der Postbote in einem Dorf. Er kennt dich, er kennt alle anderen, er redet mit einem und er trägt zum Zusammenhalt der Gemeinschaft bei.“ Der Doorman federt die Anonymität der Stadt ein wenig ab, das kurze Schwätzchen mit ihm über das Wetter oder über die Baseball-Ergebnisse geben dem Mieter das Gefühl, hier nicht nur zu wohnen, sondern so etwas wie ein Zuhause zu haben.

Insofern gibt es kaum einen besseren Doorman als Steve, auch wenn er es nicht mehr so flink bis zur Tür schafft und wenn er mittlerweile das eine oder andere Paket liegen lässt, vergisst, es abzugeben oder eine Mitteilung verlegt, die ein Bote gebracht hat. Er ist ein Muster der Beständigkeit, durch seine schiere Anwesenheit ist er ein Fels in der Brandung einer Stadt, in der immer alles im Fluss ist und in der sich immer alles ändert.

Steve Keschl kam 1957 aus einem kleinen Dorf an der österreichisch-ungarischen Grenze nach New York. Das Viertel hier, wo er bis heute arbeitet, war damals noch stark deutsch-ungarisch geprägt und so fand er hier über Bekannte seinen ersten Anker in der neuen Welt. Er bekam ein Zimmer zur Untermiete und einen Job als Kellner. Als 1960 das damals hochmoderne 30-stöckige Appartement-Gebäude an der 79sten eröffnete und ein Türposten gesucht wurde, schlug er zu. Seitdem steht er hier im Eingang. Generationen von Mietern sind gekommen und gegangen, zahllose Kinder hat er im Haus aufwachsen sehen. Auch das Verschwinden der deutsch-ungarischen Gemeinde hat er mitbekommen müssen, er ist einer der letzten Überreste des alten „Yorkville“, wie die Nachbarschaft heißt. „Ja, früher wurde hier viel mehr Deutsch gesprochen“, sagt er in einem schweren burgenländischen Tonfall.

Doch alle diese Veränderungen vermochten Keschl nicht zu beirren. Wenn er kann, wird er sich noch 20 Jahre lang jeden Morgen um halb sieben in der kleinen Umkleidekabine im Keller der Nummer 460 die grüne Uniform mit den großen Messingknöpfen anziehen, seine Dienstmütze aufsetzen und seinen Posten im Foyer beziehen; die Post annehmen und auf die Briefkästen verteilen, den Empfang von Päckchen bestätigen, mit dem Kurier, den er mit Vornamen kennt, ein kleines Schwätzchen halten und dabei immer aus dem Augenwinkel die Tür im Blick behalten. „Good morning, have a nice day.“ Have a nice day, Steve.

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