New York : Extra langsame PokémonGo-Taxis im Big Apple

Das Spiel „Pokèmon Go“ erschafft virtuelle Monster. Damit bereichert es die physische Realität. Und diejenigen, die das Spiel für sich zu nutzen wissen. Besonders in New York.

Anett Selle
Foto: REUTERS

Pokémünzen klimpern nicht. Wie sollten sie auch: Sie sind schließlich nicht aus Metall, sondern aus Bits und Bytes – Nullen und Einsen klimpern selten. Doch die stille Währung ist für „Pokémon Go“-Spieler unverzichtbar, denn mit den Münzen kaufen sie sich dringend benötigtes Zubehör: Pokébälle zum Fangen der virtuellen Monster, Köder, um sie anzulocken, und größere virtuelle Taschen, um immer alles dabeizuhaben.

Die Pokémünzen kann man im Spiel entweder gratis sammeln – oder mit realer Währung kaufen. Die Preise sind gestaffelt: Das kleinste Paket mit 100 Münzen gibt es für 99 Cent, das größte, mit 14.500 Münzen, kostet 99,99 Euro. Allein durch die sogenannten In-App-Käufe hat „Pokémon Go“ nach Schätzungen der App-Tracking- und Informationsfirma Sensor Tower bisher einen Umsatz von insgesamt 35 Millionen Dollar erzielt. Und zwar schon bevor das Spiel in Japan veröffentlicht wurde.

Nintendos Wert verdoppelte sich

In den ersten Wochen nach dem Start von „Pokémon Go“ verdoppelte sich der Wert des Konzerns Nintendo zunächst: von 20 auf knapp 40 Milliarden Dollar. Damit war Nintendo mehr wert als der Elektronikkonzern Sony, der mit „nur“ 38 Milliarden Dollar bewertet wird. Von Nintendos rasanter Wertsteigerung wurden selbst Branchenkenner überrascht.

Immerhin startete „Pokémon Go“ erst Anfang Juli. Und das Spiel stammt nicht einmal direkt von Nintendo: Entwickelt wurde es von Niantic, einem Start-up aus dem Hause Google, in Zusammenarbeit mit der Nintendo-Tochter Pokémon Company. Dementsprechend erhalte Nintendo nur zehn Prozent der Umsätze durch In-App-Käufe, berichtet „Forbes“. Niantic und Pokémon Company erhielten jeweils 30 Prozent.

Weitere 30 Prozent gingen an Apple oder Google – je nachdem, ob das Spiel auf einem IOS- oder einem Android-System gespielt wird. Analysten der Investmentbank Needham & Co. schätzen, allein Apple werde durch das Spiel mehr als drei Milliarden Dollar einnehmen – innerhalb von ein bis zwei Jahren.

Auch Gastronomie, Elektronik- und Einzelhandel verdienen mit

An „Pokémon Go“ verdienen nicht nur die an der Entwicklung beteiligten Firmen und Investoren, sondern auch der Elektronikhandel: Wie „winfuture.de“ berichtete, steigen die Verkäufe von Akku-Packs, Power Banks und Hüllen mit integrierten Zusatz-Akkus seit dem Start des Spiels merklich.

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Gastronomie und Einzelhandel tragen ebenfalls ihre Säckchen nach Hause: Vor allem in den USA bieten sowohl Ketten als auch kleinere Läden den „Pokémon Go“-Spielern Rabatte an, wenn diese seltene Monster gefangen haben oder zu einem bestimmten Team gehören. Manche Geschäfte werden auch selbst aktiv und legen Pokémon-Köder aus, um mit den virtuellen Monstern neue Kundschaft in ihren Laden zu locken. Aber lohnt sich die Mühe?

57 Prozent der Spieler sind potentielle Neukunden

Für viele Spieler ist das Vorkommen der virtuellen Monster ein wichtiges Kriterium bei der Wahl eines Restaurants. Manche twittern ihre Enttäuschung darüber, wenn in einem Geschäft keine Monster zu finden waren. Und die Plattform „Yelp“, auf der Restaurants von Nutzern bewertet werden, hat ihrer Suchfunktion einen „Pokémon in der Nähe“- Filter hinzugefügt.

Nicht überraschend also, dass sich die Profite bereits bemerkbar machen: Eine Pizzeria in New York habe dank „Pokémon Go“ etwa 75 Prozent mehr Umsatz, berichtete die „New York Post“. Und „Forbes“ veröffentlichte die Ergebnisse einer Studie, der zufolge 57 Prozent der Spieler aufgrund des Spiels mindestens einen Laden betreten, in dem sie zuvor noch nie waren. Rund 81 Prozent dieser Spieler würden in diesen Geschäften vor, während oder nach der Pokémon-Jagd etwas kaufen.

McDonalds Japan bietet 3.000 Filialen

Eine weitere Methode, wie Unternehmen sich durch „Pokémon Go“ mehr Kundschaft beschaffen können, wurde vor ein paar Tagen verkündet: Niantic nimmt nun Bewerbungen an, von Unternehmen, die als Poké-Arenen oder -Center ins Spiel aufgenommen werden möchten. Als einziges Unternehmen bisher ist McDonalds Japan eine besondere Kooperation mit Niantic eingegangen.

Wie die ARD berichtete, lege die Fast-Food-Kette ihren Kindermenüs nicht nur Pokémon-Figuren bei, sondern habe in 3.000 Filialen „Orte geschaffen, wo die kleinen Fantasiewesen gejagt werden können“. Diese enge Zusammenarbeit wird allerdings nicht nur belohnt.

Kursrutsch und Pokémon-Chauffeure

Nachdem die Nintendo-Geschäftsführung am Freitag nach Börsenschluss bekannt gegeben hatte, dass man die Gewinnerwartungen trotz des Erfolgs von „Pokémon Go“ nicht nach oben korrigieren werde, erlebte Nintendo am Montag den größten Tagesverlust seit über 25 Jahren – um knapp 18 Prozent brach der Aktienwert des Unternehmens ein. Und auch McDonalds Japan stellte einen Negativrekord auf: Die Aktien der Fast-Food-Kette verloren knapp zwölf Prozent ihres Wertes, so viel wie seit 15 Jahren nicht mehr.

Ein Verlust ist der Kursrutsch für Nintendo bisher jedoch nicht: Der Konzern ist immer noch zwei Drittel mehr wert als zum Start von „Pokémon Go“. Und inzwischen lässt die Jagd nach den Pokémon auch die Kassen der Spieler klimpern: Einige bieten im Internet ihre Dienste als „professionelle Pokémon-Trainer“ an, um an Anfängern zu verdienen. Hochgelevelte Accounts stehen auf Seiten wie „Craigslist“ zum Verkauf.

Und sogar Pokémon-Chauffeure gibt es schon, eine Art Uber für Spieler. Denn das Spiel funktioniert bei der realen Suche nur bis zu einer gewissen Fortbewegungsgeschwindigkeit. Am besten zu Fuß. Wie „Businessinsider“ berichtete, bieten unter anderem in New York Privatpersonen an, Spieler mit dem Auto durch die Stadt zu kutschieren – extra langsam, für 30 Dollar pro Stunde.

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