Welt : New York: Stumme Opfer - allein mit ihrer Fantasie

Malte Lehming

Die Todesanzeigen, die in New York die Zeitungsseiten füllen, lassen ahnen, warum zu den Opfern des Terrors weit mehr Menschen zählen, als unter den Trümmern begraben liegen. "Brian, Claire und Elizabeth haben ihren geliebten Vater verloren", heißt es da; oder: "Er war Meryl, Kara, Alex und Jason ein wunderbarer Vater"; oder auch: "Kevin, Kaitlyn, Brian, Brendan und Terence vermissen ihre Mutter". Es sind viele Kinder unter zwölf Jahren, die an jenem 11. September zu Halb- oder Vollwaisen wurden. Wie viele es sind, weiß noch keiner genau, aber es dürften mehrere tausend sein. Einige wurden an jenem Dienstag nicht mehr aus dem Kindergarten abgeholt, andere blieben alleine in der Schule zurück.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Weitaus mehr Männer als Frauen sind im World Trade Center ums Leben gekommen. Viele Feuerwehrleute stammen außerdem aus irisch-katholischen Familien, die traditionell ziemlich kinderreich sind. Einige der Toten haben sieben Kinder zurückgelassen. Um die muss sich jetzt die Witwe kümmern. Wenn die ersten Finanzspritzen aufgebraucht sind, wird die Frau wahrscheinlich arbeiten gehen und trotzdem in eine kleinere Wohnung ziehen müssen. Für Kinder jedoch, die ohnehin traumatisiert sind, gibt es kaum etwas Schlimmeres als Veränderungen. Vor diesem Dilemma - einerseits sind Veränderungen notwendig, andererseits brauchen die Kinder gerade jetzt das Gefühl von Sicherheit und Stabilität - stehen auch jene Familien, in denen die Mutter gestorben und der Vater künftig für den Haushalt und die Erziehung verantwortlich ist.

Verstärkt werden die familiären Probleme durch das gewandelte Sozialgefüge. Hohe Scheidungsraten und eine gestiegene Zahl allein erziehender Elternteile haben zu einer Zerbröselung der bindenden Strukturen geführt. Das rächt sich im Krisenfall. Nun müssen Verwandte und Bekannte in die Erziehungsarbeit mit eingebunden werden. Das ist nicht immer leicht. Am schwierigsten ist für die Hinterbliebenen die Frage, wie sie den Kindern helfen sollen, mit der neuen Situation fertig zu werden, den Verlust zu verarbeiten, den Schock zu bewältigen. Viele Kinder haben die Bilder der brennenden und schließlich einstürzenden Türme im Fernsehen gesehen. Sie wissen, dass Menschen in Panik aus den Gebäuden heraussprangen. Das stellt sie vor zutiefst irritierende Probleme.

Wer zusätzlich selbst ein Elternteil verloren hat, verlangt als Kind erst recht eine nachvollziehbare Antwort auf die Warum- und Was-ist-passiert-Frage. Doch die wichtigsten Menschen, die sie geben könnten - das andere Elternteil -, sind oft selbst so traurig und ratlos, dass sie diesen Erwartungen kaum gerecht werden können. Manchmal flüchten sie sich lieber in ausweichende Bemerkungen oder Geheimnistuerei. Das aber macht alles nur noch schlimmer. "Die Phantasie eines Kindes", sagt ein Psychologe, "füllt jede Leerstelle mit eigenen Erklärungen, die meist brutaler sind als jede Wirklichkeit." Kinder reagieren auf Krisen ähnlich wie ihre Eltern. Sie empfinden meist in demselben Maße Angst, Ärger, Trauer oder Konfusion wie diese. Eine der obersten Regeln heißt deshalb, mit den Kindern zu reden, sie dazu zu bringen, ihre Gefühle auszudrücken, ohne diese Gefühle zu bewerten. Selbst unbegründete Ängste sollten ernst genommen und scheinbar idiotische Fragen beantwortet werden. Das gilt auch für viele Lehrer in der Umgebung von New York.

Traumatische Reaktionen

Der 11-jährige Christian zum Beispiel, der seine Mutter verloren hat, quälte sich lange Zeit mit der Frage herum, warum es auf dem World Trade Center keine Scharfschützen gegeben hatte. Ständig sei er im Unterricht darauf zu sprechen gekommen, sagen seine Lehrer. Erst, nachdem sich einer von ihnen die Zeit nahm, darüber ausführlich mit ihm zu sprechen, konnte sich Christian wieder auf andere Dinge konzentrieren.

Was lösen Katastrophen in Kindern aus? In den vergangenen Jahren haben sich amerikanische Psychologen besonders nach zwei Ereignissen mit dieser Frage eingehend befasst: nach dem Attentat im Jahre 1995 auf ein Gerichtsgebäude in Oklahoma City und nach der Schießerei im Jahre 1999 an der Columbine High School in Colorado. Eines der Ergebnisse: Je direkter ein Kind mit dem Ereignis konfrontiert war, desto größer war die Gefahr, dass es zu traumatischen Reaktionen kommt.

Entscheidend ist jedoch auch das Alter. Am problematischsten ist es für Kinder zwischen sechs und zwölf. Sie sind nicht mehr jung genug, um einfach nur emotional zu reagieren, und noch nicht alt genug, um das Geschehene wirklich zu begreifen. Unaufmerksamkeit, Rückzug, Schlafprobleme, aufbrausendes Verhalten - all das sind typische Erscheinungen der Krisenbewältigung in diesem Alter. Auf Naturkatastrophen, wie Überschwemmungen und Tornado-Stürme, reagieren solche Kinder generell weniger empfindlich als auf Verbrechen. Im ersten Fall sind es nur etwa zwei Prozent der Betroffenen, die später unter post-traumatischen Symptomen leiden, während es im zweiten Fall knapp 30 Prozent sein können.

Kinder, die ihre Eltern verloren haben, reden darüber nicht gerne. Besonders im Freundeskreis und in der Schule haben sie Angst, dadurch zu Außenseitern gestempelt zu werden. Diesmal, nach den Terroranschlägen von New York und Washington, könnte das anders sein. "Das liegt sowohl an der ausführlichen Dokumentation im Fernsehen als auch an der ungeheuer großen Zahl von Betroffenen", sagt ein Schuldirektor aus New Jersey. "Vielleicht entwickeln die Tausenden von Waisen oder Halbwaisen ja sogar eine besondere kollektive Identität." In und um New York jedenfalls wächst eine ganze Generation von Terror-Geschädigten heran.

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