Welt : New York: Vergiftete Atmosphäre

Stephan Wiehler

Vier Wochen ist der Terroranschlag auf das World Trade Center nun her. Um 8:48 Uhr, dem Zeitpunkt des Einschlags des ersten Flugzeugs in das Gebäude, wurde am Donnerstag den Opfern mit einer Schweigeminute gedacht. Doch auch einen Monat nach dem Terroranschlag erinnert in der Stadt noch jeder Atemzug an die Katastrophe. Ein kalter, metallischer Brandgeruch liegt in der Luft von Lower Manhattan. Der Wind fegt den grauen Staub von Fenstern und Fassaden und verteilt hochgefährliche Gifte über dem Stadtgebiet. Die pulverisierte Asche bedroht die Gesundheit der New Yorker offenbar ernsthafter als bisher angenommen.

USA-Terror

Zum Thema Online Spezial: Kampf gegen Terror
Hintergrund: US-Streitkräfte und Verbündete
Schwerpunkt: US-Gegenschlag, Nato und Bündnisfall
Schwerpunkt: Osama Bin Laden
Schwerpunkt: Afghanistan
Chronologie: Terroranschläge in den USA und die Folgen
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags
Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Nach den Ergebnissen einer unabhängigen Studie, die das Nachrichtenmagazin Newsweek am Wochenende im Internet veröffentlichte, ist der Staub hochgradig mit krebserzeugendem Asbest verseucht. Umweltexperten der Firma "Environmenta" aus Virginia fanden hohe Konzentrationen feinster Asbest-Partikel in der Luft. Besorgniserregend waren die Ergebisse nicht nur im Katastrophengebiet. Auch in unzerstörten Gebäuden, die mehrere Straßenzüge entfernt sind, stellten die Forscher noch im 36. Stock hohe Asbest-Konzentrationen fest. Die US-Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) hatte zuvor nur in 34 von 128 Proben signifikante Asbest-Konzentrationen festgestellt, die den zulässigen Grenzwert um das Dreifache übersteigen. Insgesamt war die Behörde aber zu dem Ergebnis gekommen, dass keine unmittelbare Bedrohung für die Bevölkerung bestünde. "Environmenta" fand dagegen weitaus kleinere Asbest-Partikel, als sie mit den herkömmlichen Untersuchungsmethoden nachweisbar sind. "Das Zeug wurde zermahlen, pulverisiert", erklärte Hugh Granger, Leiter der Studie. "Wir finden diese mikroskopischen Fasern in sehr hoher Konzentration." Wissenschaftler wie Philip Landigran, Direktor des Instituts für Umweltmedizin an der "Mount Sinai School of Medicine" in Manhattan sind besorgt über die hohen Werte. "Je kleiner die Partikel sind, desto leichter verteilen sie sich über die Luft und sie gelangen beim Einatmen sehr tief in die Lunge." Inzwischen arbeiten wieder zehntausende Angestellte in den Büros von Lower Manhattan und 12 000 der insgesamt 20 000 Displaced Persons, die ihre Wohnungen rund um das World Trade Center räumen mussten, sind in ihre Apartments zurückgekehrt.

Die langfristigen Gesundheitsrisiken sind bisher nicht absehbar, doch Dr. Alan Fein, Chefarzt für Lungen- und Intensivmedizin, spricht bereits vom "World Trade Center Syndrom". Er hat allein fünf Patienten wegen Atembeschwerden nach dem Terroranschlag behandelt. Vor allem die Hilfskräfte am Katastrophenort, die zumeist ohne entsprechende Schutzmasken arbeiten, atmen die höchsten Asbest-Konzentrationen ein. Alan Fein geht davon aus, dass auch sie gesundheitliche Langzeitfolgen zu erwarten haben. Doch nicht allein durch den Asbest-Staub droht das Desaster vom 11. September jetzt zu einer Umweltkatastrophe zu werden. Unter der Liberty Plaza seien aus sieben Großkompressoren, die die Klimanlagen im World Trade Center versorgten, große Mengen der Kühlflüssigkeit Freon ausgelaufen, berichtet Newsweek. Experten vermuten, dass während des Höllenfeuers zigtausende Liter Freon zu hochgiftigem Phosgen verbrannt sind, einer Substanz, die im Zweiten Weltkrieg als chemisches Kampfmittel produziert wurde. In den Flammen verbrannten nicht nur zehntausende Quadratmeter Teppichboden, Reinigungsmittel für Fenster und rund 7000 Toiletten sowie tonnenweise Kunststoff. Experten gehen davon aus, dass bei dem Feuer auch große Mengen des hochgradig krebserzeugenden Dioxin freigesetzt wurden.

Die hochtoxische Substanz entsteht bei der Verbrennung des Kunststoffs PVC, der in zigtausenden Computern und Kabeln, Papierkörben und Tapeten enthalten sei. Fachleute glauben jedoch, dass die hochtoxischen Substanzen nicht in tiefere Erdschichten oder den nahen Hudson River gelangen können. Sie hoffen, dass der 21 Meter dicke Felsgrund, auf dem Manhattan entstanden ist, die giftigen Reste des World Trade Center auffängt. Angesichts der Unmengen von Löschwasser, das in dem Trümmerberg versickert, scheint dies eine Hoffnung, die von der Zeit eingeholt werden könnte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar